Provenienzforschung im Studium und als Beruf – Ein Interview mit Dr. Tanja Baensch

Dr. Tanja Baensch ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Forschungsprojekt Mosse Art Research Initiative (MARI) am Kunsthistorischen Institut der Freien Universität Berlin. Gegenstand der Untersuchungen des Projekts ist die Kunstsammlung des deutsch-jüdischen Verlegers Rudolf Mosse (1843 – 1920). Mosse gehörte zur Zeit des Kaiserreichs zu den einflussreichen Akteuren Berlins. Die umfangreiche Kunstsammlung wurde der Familie durch die Nationalsozialisten entzogen und 1934 in Berlin versteigert. Das Forschungsprojekt versucht die Objekte der Sammlung ausfindig zu machen, ihre Wege bis zum heutigen Standort nachzuvollziehen und die genauen Verlustumstände zu klären.

Kunstb: Frau Baensch, welcher Weg führte Sie zur Provenienzforschung?

Tanja Baensch: Stark zusammengefasst kann ich sagen, dass der Weg zur Provenienzforschung über mein Interesse an museumsgeschichtlichen Fragen lief, denen ich im Studium, bei meinen beruflichen Aktivitäten und im Vereinsengagement nachging. Meine Magisterarbeit schrieb ich über das Musée central im Louvre zwischen 1797 und 1802, meine Dissertation über die Neugründung der Straßburger Gemäldesammlung durch Wilhelm Bode. Beruflich begleitete mich dieses Interesse für Museumsgeschichte in Deutschland und Frankreich sowohl in Forschungsprojekten als auch in meinem Museumsvolontariat und der folgenden Tätigkeit an verschiedenen Museen. Diese Erfahrungen führten schließlich dazu, dass ich an einem Projekt des Frankfurter Städel zur Aufarbeitung der Geschichte dieser Institution während des Nationalsozialismus mitwirken konnte. Von dort aus bewarb ich mich dann an der Hamburger Kunsthalle auf eine ausgeschriebene Stelle in der Provenienzforschung. Seitdem hat mich dieser wichtige Bereich nicht wieder losgelassen, ich bin dabeigeblieben und konnte für verschiedene Museen auf unterschiedlichen Feldern in der Provenienzforschung arbeiten. Schließlich kam ich dann an das Forschungsprojekt Mosse an der Freien Universität, das ganz eigene Anforderungen hat und sich in der Herangehensweise von der Forschung an Museen unterscheidet. 

Kunstb: Seit 2017 arbeiten Sie in dem Mosse-Projekt an der Freien Universität. Wie gestaltet sich der Alltag einer akademischen Provenienzforscherin?

Tanja Baensch: Der Alltag richtet sich sehr nach den jeweils anstehenden Aufgaben, die sich aus der Materie ergeben. Strategische Planungen zur Vorgehensweise, Online-Recherchen, deutsche und fremdsprachige Korrespondenzen und die Dokumentation der Ergebnisse spielen sich natürlich am Schreibtisch ab, man verbringt aber auch viel Zeit in verschiedenen Archiven und Bibliotheken, nicht nur in Berlin, um Spuren von Provenienzen zu finden. 

Die Kenntnis der Inhalte und Instrumentarien eines Fachs hilft bzw. ist notwendig, um sich der Herkunftsgeschichte eines Objekts sinnvoll annähern zu können.

Kunstb: Welche Arbeitsinstrumente stehen der Provenienzforschung zur Verfügung?

Tanja Baensch: Das hängt von der Art der Provenienzforschung ab. In Sammlungen jeder Art beginnt die Provenienzforschung stets am Objekt als wichtigster Quelle. Sprichwörtlich im Bereich der Gemälde ist die Rückseitenanalyse, da auf der Rückseite oft Hinweise auf Eigentums- oder Besitzstationen gegeben sind. Meist bieten Inventare oder Objektdokumentationen weitere Hinweise. Von dort geht die Recherche weiter über Literatur, Archive, Datenbanken. Wichtig und hilfreich ist die Kommunikation mit Menschen, die in einem unmittelbaren Zusammenhang zu der Herkunftsgeschichte eines Werkes stehen, aber auch der Austausch mit Fachkollegen. Bei dem Mosse-Projekt ist die Recherchereihenfolge genau umgekehrt. Hier wird von den Quellen ausgegangen mit dem Ziel, die Objekte zu identifizieren und zu lokalisieren. Dementsprechend beginnt hier die Suche nicht am Objekt, sondern bei den schriftlichen Archiv- oder Literaturquellen bzw. in bestimmten Datenbanken. 

Kunstb: Sie nennen auch ein digitales Medium – die Datenbanken. Welchen Stellenwert haben das Internet und die Digitalisierung für die Provenienzforschung?

Tanja Baensch: Beides hat aufgrund der Vernetzungen und der Komplexität der Inhalte eine zunehmend wichtige Bedeutung. Es ist für die Recherche, die Kommunikation und die Dokumentation essentiell und nicht mehr wegzudenken. 

Kunstb: Um der Herkunftsgeschichte der Objekte näher zu kommen, braucht es neben den verschiedenen erwähnten Arbeitsinstrumenten intensive Zusammenarbeit. Mit wem findet diese statt?

Tanja Baensch: Man hat immer mit dem menschlichen Umfeld eines Objekts zu tun. Im Museum sind das der zuständige Kurator, Restauratoren, andere Museumsmitarbeiter, die z. B. für die Bereitstellung eines Objekts oder für fachliche Hinweise dazu zuständig sind. Entsprechendes gilt für andere frühere oder aktuelle Aufenthaltsorte eines Objekts. Alle Stellen, an denen sich Spuren der Objekte vermuten lassen, zu denen man arbeitet, sind immer auch Anlauf- und Kontaktstellen. Die Kommunikation, auch die mit den Fachkollegen, verläuft meist zeitgleich in verschiedene Richtungen und spielt in der Ermittlung eine wesentliche Rolle. 

Kunstb: Die Provenienzforschung ist in den vergangenen Jahren zur aktiven Begleiterin der musealen Tätigkeiten geworden. Auch an den Universitäten rückt sie in den Fokus. Beispielsweise entstanden in den Jahren 2017 und 2018 in Bonn und Hamburg erste Juniorprofessuren für Provenienzforschung. Die Zahl der Seminare und Vorlesungen an den Kunsthistorischen Instituten ist seither deutschlandweit gestiegen. Hat es ein ähnlich vielfältiges Angebot in Ihrer Studienzeit gegeben?

Tanja Baensch: Nein, das gab es noch nicht. Nach der Konferenz in Washington 1998 hat es eine Weile gedauert, ehe dieses Lehrangebot in seiner jetzigen Ausprägung auf die Beine gestellt wurde. Anfangs wurde die Provenienzforschung ja an – zunächst sehr wenigen – Museen betrieben. Die ersten wichtigen Initiatoren zur Verankerung dieser Forschung an Museen, in erster Linie Uwe Schneede in Hamburg, haben immer wieder davon berichtet, dass die Dimensionen der Forschung anfangs noch überhaupt nicht absehbar waren. Als sich dann aber die Komplexität der Provenienzforschung zeigte – schließlich berührt sie sehr unterschiedliche Kompetenzbereiche –, kam auch das Bedürfnis danach auf, sie zu systematisieren, für die Thematik zu sensibilisieren und Studierende zur Mitarbeit in diesem Bereich zu befähigen. 

Provenienzforschung hat in den letzten Jahren international enorm an Bedeutung gewonnen. Wie kaum ein anderer Bereich steht sie aufgrund der Dringlichkeit und ihrer erheblichen moralischen und kulturpolitischen Relevanz sehr stark im Lichte der Öffentlichkeit.

Kunstb: An vier Berliner Universitäten wurden im Wintersemester 2019/20 insgesamt 13 Veranstaltungen zum Thema angeboten.  Was könnten die Gründe sein, warum dieses Lehrangebot mittlerweile stark fokussiert wird? Und warum sind Seminare und Vorlesungen zu den Themen der Provenienzforschung bei Studierenden beliebt?

Tanja Baensch: Die Provenienzforschung hat in den letzten Jahren international enorm an Bedeutung gewonnen. Wie kaum ein anderer Bereich steht sie aufgrund der Dringlichkeit und ihrer erheblichen moralischen und kulturpolitischen Relevanz sehr stark im Lichte der Öffentlichkeit. Das hat besonders der Fall Gurlitt gezeigt, der nicht nur den Sachverhalt selbst, sondern auch die Lage der Forschung zur Herkunft der Objekte, zuerst derjenigen im öffentlichen Besitz, in den Mittelpunkt rückte. Mit fortschreitender Forschung wurde die Vielfalt der anstehenden Aufgaben und der Fragen erst offenbar. Angesichts der Dimensionen der zu leistenden Arbeit und des gleichzeitig steigenden politischen Drucks, die Aufarbeitung voranzutreiben, nahmen auch Universitäten entsprechende systematisierende Angebote in ihre Lehrprogramme auf. Die Lehrenden in den ersten Kursangeboten, auch an der FU, kamen zumeist aus der Praxis der Provenienzforschung an Museen oder vergleichbaren Institutionen, konnten also die Programme der Seminare aufgrund ihrer Erfahrungen entsprechend ausrichten. Der Weg der Institutionalisierung in dieser Richtung schreitet voran. Es gibt mittlerweile an verschiedenen Universitäten Provenienzforschungsstellen unterschiedlicher Gewichtung und auch Kooperationsprojekte zwischen Universitäten und verschiedenen anderen Institutionen. Die Forschungen an den Universitäten ergänzen in ihrer kontextuellen Tiefe oft sehr gut die eher objektgebundenen an den Museen. Die Frage, warum Studierende sich so sehr für Provenienzforschung interessieren, ist – differenziert betrachtet – wohl nicht mit dem simplen Grund der spannenden Materie zu beantworten. Das hat vermutlich auch etwas mit der Anwendbarkeit, Sinnhaftigkeit und Aktualität des Fachs, womöglich aber auch mit generationsbedingten Bezügen zu tun.

Kunstb: Dr. Meike Hoffmann hat am Kunsthistorischen Institut der FU über drei Semester die Lehrveranstaltung “Provenienzforschung zur Kunstsammlung Rudolf Mosse” angeboten. Das Seminar war an die Inhalte und Forschung des MARI-Projekts geknüpft. Was haben Studierende in diesem Seminar gelernt?

Tanja Baensch: Aus meiner Beobachtung als Mitarbeiterin des Mosse-Projekts kann ich sagen, dass die Studierenden Grundlagen und Methoden der Provenienzforschung gelernt haben, den Umgang mit Archiven, einschlägigen Datenbanken, Literatur, eine quellenkritische Haltung, Problembewusstsein für die Materie, aber zum Beispiel auch eine gewisse Hartnäckigkeit und Kreativität, die man für die Provenienzforschung besonders braucht. Die Studierenden konnten die Methoden konkret bei der Bearbeitung von Objekten der Sammlung Mosse anwenden. Dr. Meike Hoffmann, Koordinatorin des Mosse-Projekts und Seminarleiterin, kann diese Frage aber am besten beantworten.

Die Forschung wird von der Politik zurzeit stark unterstützt, der Bedarf danach ist groß, die in letzter Zeit gewachsene Zahl fester Anstellungen gibt Hoffnung.

Kunstb: Für Studierende der Kunstgeschichte ist die Provenienzforschung ein konkretes Beispiel einer beruflichen Perspektive geworden. Würden Sie uns Ihren Eindruck zur aktuellen Lage der Provenienzforscher*innen schildern?

Tanja Baensch: Die Forschung wird von der Politik zurzeit stark unterstützt, der Bedarf danach ist groß, die in letzter Zeit gewachsene Zahl fester Anstellungen gibt Hoffnung. Auf der anderen Seite hat die Anzahl der Forscher inzwischen sehr zugenommen, sind die Stellen in der Regel zeitlich befristet und es gibt auch in diesem Bereich keine Garantie auf eine Anstellung. Grundsätzlich verlangt die Provenienzforschung in mehrfacher Hinsicht ein hohes Maß an Flexibilität.

Kunstb: Der “Fall Gurlitt” wurde von Ihnen zuvor angesprochen. Seit dem Schwabinger Kunstfund 2012 ist die Provenienzforschung verstärkt in das Interesse der Öffentlichkeit gerückt. Oft treten dann Kunsthistoriker*innen in Erscheinung. Wer macht Provenienzforschung? Und wo findet sie, außer an Universitäten und Museen, noch statt? 

Tanja Baensch: Provenienzforschung ist eine objektbezogene Querschnittsdisziplin. Eigentlich können alle Objektsammlungen Gegenstand von Provenienzforschung sein, die also längst nicht auf Kunstobjekte oder Bücher beschränkt ist. Je nach Gebiet, auf dem man Provenienzforschung betreiben will, ist eine entsprechende fachliche Basis hilfreich, wenn nicht unabdingbar. Die Kenntnis der Inhalte und Instrumentarien eines Fachs hilft bzw. ist notwendig, um sich der Herkunftsgeschichte eines Objekts sinnvoll annähern zu können. Provenienzforscher arbeiten meistens im Dienst eines öffentlichen Trägers, eines Museums, einer Bibliothek, eines Archivs, einer Universität. Sie können aber auch in freien Anstellungsverhältnissen, z. B. auf Honorarbasis, für selbständige bzw. private Auftraggeber arbeiten. 

Kunstb: Was sollten Studierende mitbringen, wenn sie in der Provenienzforschung tätig werden wollen? Drei Tipps für unsere Leser*innen!

Tanja Baensch: Forscherdrang, Verantwortungsbewusstsein, Ausdauer.

Kunstb: Wir danken Frau Baensch für die Einblicke!





Flyer Provenienzforschung studieren: https://www.geschkult.fu-berlin.de/e/khi/_ressourcen/aktuelles/Flyer_PF_Lehre_WiSe-2019-2010_finale-Version.pdf

Mosse Art Research Initiative (MARI): https://www.mari-portal.de

Bericht über die Arbeit der Taskforce Schwabinger Kunstfund: http://www.taskforce-kunstfund.de/fileadmin/_downloads/Bericht_TFK_9-2-2016_Druckfassung.pdf

Titelbild: Photo by freddie marriage on Unsplash

„Abseits der Scheinwerfer läuft es bodenständig ab“ oder: Arbeiten im Auktionshaus

Wer beim Wort „Kunstauktionen“ die Nase rümpft und an astronomische Preise und elitäres Gebaren denkt, kennt den Alltag vieler heimischer Auktionshäuser nicht. Wie das Auktionswesen funktioniert und wie sich der Alltag darin gestaltet, haben wir im ausführlichen Gespräch mit der Expertin für Druckgrafik Nadine Keul erfahren. Sie ist seit rund elf Jahren für die Berliner Galerie Bassenge tätig. Trotz des irreführenden Namens ist die Galerie ein familiengeführtes Auktionshaus, in dem zweimal im Jahr knapp 9.000 Lose unter den Hammer kommen.

VON EVA DALVAI

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