Kunst an Universitäten I: Ein Würfel sprach zu sich…

von IDA REES

Fünf fingerartige, dynamisch geschwungene Rohre umfassen die Würfelform.

„Ein Würfel sprach zu sich: Ich bin

mir selbst nicht völlig zum Gewinn!“

Ein in sich ruhender Würfel, aus seiner unteren liegenden Seite, fünf wachsende Rohrformen.

„Seine sechste Seite sieht statt in die Weite, der Erde ewig dunklen Schoß.“

Deplatziert, ohne Raumwirken, bemoost, beziehungslos, beschmutzt, manchmal plakertiert steht er zwischen Straße und Parkplatz.

„Der Würfel, innerlichst beleidigt, hat sich nicht weiter drauf verteidigt.“

Ein Würfel bedauert, dass er mit seiner sechsten Seite stets nur den dunklen Schoß der Erde sehen kann. In tragisches Selbstmitleid versunken, merkt er gar nicht, wie sein Monolog über diesen Zustand, die unter ihm ruhende Erde beleidigt. Auch sie ist durch seine Existenz verändert, könnte er sich wegbewegen, so würde sie an jener Stelle strahlen wie ein Karfunkel.  Dieses wunderbare Gedicht von Christian Morgenstern wurde ein wenig auseinander gerissen. So, wie auch Brigitte Matschinsky-Denninghoffs Skulptur „Der große Würfel“ aus dem Jahr 1970, aus ihrem Kontext gesetzt wurde. Selbst verteidigen kann sie sich nicht. Deshalb nun hier eine aufklärende Schrift zu diesem Raumobjekt und was es damit auf sich hat.

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„Abseits der Scheinwerfer läuft es bodenständig ab“ oder: Arbeiten im Auktionshaus

VON EVA DALVAI

Wer beim Wort „Kunstauktionen“ die Nase rümpft und an astronomische Preise und elitäres Gebaren denkt, kennt den Alltag vieler heimischer Auktionshäuser nicht. Wie das Auktionswesen funktioniert und wie sich der Alltag darin gestaltet, haben wir im ausführlichen Gespräch mit der Expertin für Druckgrafik Nadine Keul erfahren. Sie ist seit rund elf Jahren für die Berliner Galerie Bassenge tätig. Trotz des irreführenden Namens ist die Galerie ein familiengeführtes Auktionshaus, in dem zweimal im Jahr knapp 9.000 Lose unter den Hammer kommen.

kunstb: Gerade für Studienanfänger ist es oft nicht leicht, die verschiedenen Spieler am Kunstmarkt und ihre Tätigkeitsfelder zu überblicken. Was unterscheidet das klassische Auktionshaus von der Arbeit einer Galerie?

Nadine Keul (NK): Galerien haben häufig ein festes Programm, sagen wir Gemälde des 19. Jahrhunderts oder moderne und zeitgenössische Kunst. Gerade im letzteren Fall arbeiten Galerien direkt mit Künstlern zusammen und vertreten sie. Ihr Bemühen gilt dem Vertrieb und der Etablierung ihrer Künstler am Markt. Verkauft wird in der Regel während der regelmäßig stattfindenden Ausstellungen. Ein Auktionshaus arbeitet anders. Die thematische Schwerpunktsetzung ist breiter gefächert. Unser Haus ist beispielsweise in verschiedene Abteilungen gegliedert. Wir bieten Werke aus dem 15. bis 21. Jahrhundert in allen Gattungen – also Gemälde, Zeichnungen und Druckgrafik – an, sowie Bücher, Autographen und Fotografie. Es ist nicht unsere Aufgabe, Künstler zu etablieren. Aber es gibt wie überall natürlich Ausnahmen. Ab und zu machen wir den Markt ähnlich wie Galerien auf besondere Strömungen aufmerksam, entdecken vergessene Künstler. Gerade bemühen wir uns im Bereich des Symbolismus in der Druckgrafik und Zeichnung. So historisch gewachsen und traditionell das Auktionswesen auch sein mag: es darf sich neu erfinden.

Nadine Keul arbeitet seit rund elf Jahren als Expertin für Druckgrafik im Berliner Auktionshaus Galerie Bassenge. Nach einem angefangenen Physikstudium fand sie zur Kunstgeschichte.

Die Ausstellungszeit im Auktionshaus begrenzt sich auf eine Woche Vorbesichtigung vor dem eigentlichen Verkauf, der Auktion, die an einem festen Termin zwei Mal im Jahr stattfindet. Erst an diesem Tag wird der Verkaufspreis festgelegt, der letztlich von den Bietern bestimmt wird. Mit einem bestimmten Maß an Verhandlungsspielraum sind die Preise in Galerien hingegen weitestgehend festgesetzt. Ein weiterer Unterschied ist, dass uns die zu versteigernden Objekte nicht gehören. Unsere Rolle ist die eines Vermittlers zwischen dem Einlieferer, also dem Eigentümer, und dem zukünftigen Käufer. Das geschieht bei Galerien in viel kleinerem Maße, sie handeln meist mit ihren eigenen Beständen

kunstb: Bei vielen Studierenden genießt der Kunstmarkt keinen guten Ruf und wird oft als pauschal elitär und versnobt wahrgenommen. Was würden Sie diesen Vorbehalten entgegnen? Wie sind Kunst und Kommerz miteinander in Einklang zu bringen?

NK: Ich denke, Kunst und Kommerz schließen sich gar nicht aus, sondern gehen miteinander einher. Den Kunstmarkt hat es immer schon gegeben und Kunst wurde seit jeher gehandelt. Bereits Dürer hat seine Werke unter die Leute bringen wollen und sie regelrecht „vermarktet“. Ein neueres Phänomen ist vielleicht, dass in den Feuilletons heute verstärkt über Auktionsergebnisse berichtet wird. Dann meist nur über besonders herausragende Ergebnisse und das sind in der Regel immer besonders hohe Zuschläge. Ich glaube dadurch entstand die Wahrnehmung, dass Auktionen ausschließlich etwas für elitäre Kreise oder für den großen Geldbeutel seien. Abseits der Scheinwerfer läuft es aber bodenständig ab. Man muss natürlich aufpassen, dass der Kommerz die Kunst nicht überlagert. Es geht ja letztlich darum Objekte zu finden, die man schön und interessant findet. Das kann etwas sein, das sehr günstig ist, ebenso wie etwas sehr teueres. Es gibt beides. Wir haben ein breites Preisspektrum und bieten auch Objekte an, die deutlich unter 1.000 Euro liegen. Und das sind zum Teil auch wirklich spannende, alte Werke. Aber darüber spricht man kaum, denn es ist nicht so interessant wie die drei Millionen für einen Picasso.

kunstb: Vor der eigentlichen Auktion passiert sicherlich jede Menge Arbeit. Wie kann man sich den Alltag bei Ihnen vorstellen – von der Einlieferung eines Objekts bis zum Zuschlag?

NK: Das Kunstwerk wird entweder direkt vom Einlieferer zu uns gebracht oder wir fahren zu ihm und holen es von dort nach Berlin. Dann wird es begutachtet und beschrieben. Zunächst all die technischen Daten. Das fängt mit dem Ausmessen, dem Feststellen der Technik und dem Aufnehmen von Signaturen und Bezeichnungen auf der Vorder- und Rückseite an. Bei den Druckgrafiken wird auch ausführlich der Zustand beschrieben und Schäden festgehalten: gibt es im Papier Risse, Flecken oder ähnliches? Dann wird die Literatur herausgesucht und abgeglichen. Je nachdem ob es notwendig erscheint, das Werk zu kontextualisieren, wird gegebenenfalls ein ausführlicherer Katalogtext verfasst. Nach erfolgter Beschreibung wird es zum Fotografieren gebracht. Gleichzeitig werden alle Objekte für den Katalog geordnet, der einige Wochen vor der Auktion gedruckt und an die Kunden gesendet wird. Dann findet eine Woche vor den Auktionstagen die Vorbesichtigung statt. Es kann, darf und soll alles besichtigt und eingehend betrachtet werden. In dieser Zeit bearbeiten und erörtern wir meist speziellere Fragen zu den einzelnen Objekten vonseiten potentieller Käufer – beispielsweise zum Zustand und Provenienz. Am Tag der Auktion werden die Objekte zum Kauf angeboten und können erworben werden. Bieten kann man nach Anmeldung sowohl im Saal, als auch per Telefon oder immer mehr auch über das Internet. Dann geht wieder alles von vorne los, bis sechs Monate später die nächste Auktion stattfindet.

Die eingelieferten Kunstwerke werden eingehend auf ihren Zustand und auf eventuelle Schäden geprüft. Die Einschätzung der Qualität sei oft Erfahrungssache, so Frau Keul.

kunstb: Ein wichtiger Teil der Arbeit besteht auch aus dem Schätzen von Kunstobjekten. Wie entsteht der Preis für ein Kunstwerk, von welchen Faktoren hängt er ab?

NK: Ein Objekt ist immer soviel wert, wie jemand bereits ist, dafür zu bezahlen. Der endgültige Verkaufspreis wird also während der Auktion von den Bietern bestimmt. Wir legen vorab zwei andere Preise fest. Zum einen den Limit- oder Mindestpreis, also jenen Preis, zu dem ein Werk während der Auktion aufgerufen wird. Der Limitpreis wird dabei mit Zustimmung des Einlieferers, also dem Eigentümer des Werks, festgelegt. Zum anderen bestimmen wir den Schätzpreis, der im Auktionskatalog den von uns ermittelten Wert des Objektes widerspiegelt.

Unsere Schätzpreise orientieren sich am Markt, den wir über Datenbanken abfragen können. Das Internet erleichtert die Recherche um einiges und macht die Preisgestaltung sehr viel transparenter.  Dennoch bleibt vieles subjektives Bauchgefühl. Natürlich kann ich bei Rembrandt-Grafiken alle vergangenen Ergebnisse nachschlagen, aber gerade in der alten Kunst hat man viele anonyme Werke ohne Vergleichsmöglichkeiten. Da geht es oft um Erfahrung und die formt sich mit der Zeit.

kunstb: Was sind die schönen Seiten an diesem Beruf und was hingegen die weniger schönen?

NK: Man arbeitet inmitten der Kunstgeschichte und kann sich mit unglaublich vielen spannenden Objekten beschäftigen. Hinter jedem Kunstwerk stecken zudem Menschen. Unsere Kunden sind sehr facettenreich und diese Vielfältigkeit macht Spaß. Es bleibt dadurch abwechslungsreich und man lernt nie aus. Das klingt wie ein platter Spruch, aber es ist tatsächlich so. Was man aber bedenken muss, ist, dass man in der Regel nicht allzu viel Zeit hat, um sich mit den einzelnen Werken auseinander zu setzten, man muss effizient arbeiten. Alle sechs Monate findet eine Auktion statt und allein unsere Abteilung bearbeitet jedes Mal um die 1.600 Objekte. Das heißt, dass an irgendeinem Punkt schon Schluss sein muss, an dem man eigentlich denkt, man könnte noch mehr forschen. Das muss man akzeptieren können. Aber natürlich stellen wir Objekte in Einzelfällen auch zur ausführlichen Recherche zurück.

In den Zeiten des Katalogschlusses und der Auktion muss man sich auf intensive Phasen einstellen. Zwar sind es begrenzte Zeiträume zweimal im Jahr – einmal im Frühjahr und einmal im Herbst –, aber in diesen drei, vier Wochen wird viel gearbeitet. Auch Überstunden gehören dazu. Aber nach all diesen Jahren gehe ich immer noch mit einer großen Freude daran und bin immer wieder aufs Neue aufgeregt. Man ist auf unterschiedliche Art und Weise immer gefordert. Doch das macht es letztendlich aus und wird genau deshalb nie langweilig.

kunstb: Wussten Sie schon während Ihres Kunstgeschichtsstudiums, dass es in die Richtung Kunstmarkt, sogar genauer Auktionswesen gehen sollte?

NK: Ich wollte anfangs etwas ganz anderes machen, habe ein Physikstudium begonnen, bevor ich dann zur Kunstgeschichte umgeschwenkt bin. Daran hatte ich große Freude, aber anfangs keinerlei Idee, was aus mir wird. Heute ist die Arbeit am Kunstmarkt den Studierenden viel präsenter als noch vor zehn Jahren. Zwar ist mein Vater Kunsthändler, und vielleicht war es deshalb nicht ganz abwegig, dennoch stand dieses Feld an der Uni nicht im Fokus. In den Semesterferien ergab sich dann ein sechswöchiges Praktikum hier bei Bassenge. Und eigentlich bin ich seither nicht wieder gegangen. Nach meinem Studium wurde aus meinem Aushilfsjob eine feste Stelle. Ohne, dass es je auf meiner Agenda gestanden hätte, passte es plötzlich.

kunstb: Was sollte man mitbringen, wenn man in diesem Tätigkeitsfeld arbeiten möchte?

NK: Essentiell ist, dass man Interesse und Spaß daran hat, sich intensiv mit der Kunstgeschichte anhand konkreter Objekte auseinanderzusetzen. Provenienzforschung und wissenschaftliches Arbeiten ist dabei ebenso wichtig wie die praktische Arbeit am „Bild“. Dafür muss man Eigeninitiative zeigen, weil man den praktischen Umgang mit Kunstwerken nicht zwangsläufig im Studium erlernt. Es ist also durchaus sinnvoll, dass man bereits im Vorfeld praktische Erfahrungen sammelt. Alles in allem ist also eine Portion Neugierde nötig. Für wissbegierige Menschen, die gerne strukturiert Arbeiten, ist es ein toller Beruf.

kunstb: Welche berufsqualifizierenden Kenntnisse konnten Sie sich bereits während Ihres Studiums aneignen? Und was haben Sie hingegen erst bei der Arbeit gelernt?

NK: An der Universität stand das wissenschaftliche Arbeiten im Vordergrund. Man lernt etwa das Recherchieren, die wichtige Literatur zu finden, richtig zu benutzen und zu zitieren. Da wir im Auktionshaus großen Wert darauflegen, dass die Objekte wissenschaftlich korrekt aufbereitet sind, sind das wichtige Grundlagen. Die praktische, angewandte Kunstgeschichte, die ja zwangsläufig mit dem Kunsthandel verwoben ist, wurde hingegen kaum unterrichtet. Vieles lernt man direkt und nur am Original. Etwa wie genau sich Papier des 18. Jahrhunderts im Vergleich zu dem des 17. Jahrhunderts anfühlt, wie es aussieht. Man kann sich natürlich einiges über die Geschichte des Papiers aus Büchern aneignen, aber die Bestimmung bleibt etwas Kennerschaftliches, etwas Unmittelbares. Es sind haptische und optische Feinheiten, die man nicht aus der Literatur, sondern durch das Vergleichen von Originalen lernt. Hierzu geben wir Studierenden in Zusammenarbeit mit den Universitäten gelegentlich Einblick in kurzen Workshops mit Originalen.

kunstb: Sie sind Expertin für Arbeiten auf Papier, genauer Druckgrafik – einem Gebiet, das an Berliner Universitäten eine eher untergeordnete Rolle spielt. Welche Tipps können Sie Studierenden geben, die sich gerne damit beschäftigen möchten, aber nicht die richtigen Kurse finden?

NK: Geht in die Kupferstichkabinette dieser Welt und schaut euch Originale an! Man kann und darf sich alles vorlegen lassen. Es ist eine besondere und vielleicht sogar intime Erfahrung, sich im Kupferstichkabinett Druckgraphiken oder Zeichnungen anzusehen. Wer die Möglichkeit hat, kann natürlich auch zu den Auktionsvorbesichtigungen wie den unseren kommen. Man hat hier eine unvergleichliche Fülle und einen Reichtum an Kunstgeschichte auf einem Fleck. Hier können Werke auch in die Hand genommen und genauer untersucht werden. Und wer weiß, vielleicht entdeckt man dabei sogar seine Sammelleidenschaft.

Sidonie Springer, Schmerzliches Wiederfinden, 1919-1920, Schwarze Kreide und Bleistift auf Papier, 44,8 x 41,5 cm. Eine besonderes Fundstück: Die Zeichnung der kaum bekannten Künstlerin wurde überraschend bei einem Schätzpreis von 1.200 Euro für 14.000 Euro zugeschlagen. Abbildung: Galerie Bassenge

kunstb: Sind Ihnen über die Jahre einige Werke besonders in Erinnerung geblieben?

NK: Natürlich war da 2014 unser Rekordzuschlag über 2,6 Millionen Euro für eine wunderbar gezeichnete Studie mit welken Ahornblättern von Friedrich Olivier, die unser aller Erwartungen übertroffen hat. Die Zeichnung verband eine besondere Geschichte mit einer unheimlich ästhetischen Darstellung. Das war – sei es in der Vorbereitung, als dann auch in der Auktion – sehr spannend und aufregend. Dann erinnere ich mich an eine andere Zeichnung. Ich war bei einem Herrn in München, der mir einen großen Stapel mit Werken unterschiedlicher Qualität vorlegte. Eine Zeichnung stach mir besonders ins Auge. Sie zeigte eine mystische Darstellung mit zwei Frauen, eine trauernde alte Frau und eine Nackte mit einer Maske in der Hand, und ein Teufelskopf, der ein Herz verschlingt. Ich kannte die Künstlerin, Sidonie Springer, damals überhaupt noch nicht. Sie arbeitete im frühen 20. Jahrhundert. Wir schätzten das Werk moderat auf 1.200 Euro, aber am Ende brachte es 14.000 Euro. Es ist persönlich ein schönes Erlebnis, wenn man das Werk selbst aus einem großen Stapel herausgefischt hat, ohne zu wissen, was es genau ist, aber das Gespür dafür hatte, dass es sich um etwas Besonderes handelt.


Die nächsten Kunstauktionen in der Galerie Bassenge finden vom 29. Mai – 1. Juni 2019 statt. Die Werke sind während der Vorbesichtigungswoche frei zugänglich – auch für Studierende. Alle Termine und Kataloge zu finden unter: http://www.bassenge.com


Fotos: Eva Dalvai

10 von 77.671.494 Millionen – eine Blogempfehlung

77.671.494 Millionen Blogs hosten allein die großen Portale wie WordPress und Tumblr weltweit. Da kann man schnell den Überblick verlieren, dachten wir uns, und haben euch die zehn Perlen der Kunst- und Kulturblogs herausgesucht. Vom Insidertipp bis zum New Yorker Szene-Blog, von Berliner Ausstellungskritiken bis hin zur Streetart in Honduras.

von MAGDALENA LÖSCH

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