„Alles, was verknüpfend und grenzüberschreitend ist, gefällt mir sehr“ – Jana Noritsch im Interview

VON LUISE BICHLER

Jana Noritsch arbeitet als Gründerin des Collectors Club Berlin an der Schnittstelle zwischen Sammler:innen, Galerist:innen, Künstler:innen und Kunstmuseen. Sie schreibt Sammlungsdossiers sowie Werkverzeichnisse und arbeitet als freie Autorin für Magazine. Im Interview erzählt sie, was für Anliegen Sammler:innen in Berlin haben und wie sich die Corona-Krise auf sie ausgewirkt hat. Darüber hinaus berichtet sie von ihrem Werdegang und gibt Einblicke in ihre publizierende Arbeitsweise.

Kunstb: Frau Noritsch, welche Idee steckt hinter der Gründung des Collectors Club?

Jana Noritsch: Gegründet habe ich den Collectors Club im Januar 2014, weil ich dafür eine Notwendigkeit gesehen habe. Ich war selbst als Kuratorin und Autorin viel in der Kunstszene unterwegs und habe mitbekommen, dass es Netzwerke und Clubstrukturen für Sammler:innen gibt, die sich aber vor allem darum gekümmert haben, ihre Sammlungen gegenseitig zu bestaunen und in der Öffentlichkeit aufzutreten. Sie haben viele VIP-Events gemacht mit rotem Teppich und Champagnerkorken knallen lassen. Das war eine Zeit, in der Sammler:innen stark hofiert wurden. Heute wollen sich viele Sammler:innen gar nicht mehr in diese Schublade stecken lassen, weil das Sammeln durch diese VIP-Veranstaltungen einen negativen Touch bekommen hat. 

Welche Herausforderungen wirklich hinter den Sammlungen steckten, war mir damals noch gar nicht so bewusst. Heute ist der Collectors Club das einzige mir bekannte Netzwerk deutschlandweit, vielleicht sogar in Europa, das sich wirklich mit den Problemen der Sammler:innen beschäftigt. Klar machen wir auch VIP-Veranstaltungen zu den Messen, viele kennen und mögen das auch. Aber hauptsächlich ist das ein Netzwerk mit ganz verschiedenen Funktionen, in das sich jeder einbringen kann. Die Sammler:innen sollen sich miteinander vernetzten. Ein Sammler mit dem Schwerpunkt DDR-Fotografien von 1950 bis 1970 beispielsweise kann hier Gesprächspartner:innen suchen, mit denen er sich austauschen kann. Andere haben Fragen zur Organisation von Vor- und Nachlässen: Was passiert mit meiner Sammlung, wenn ich nicht mehr da bin? So können sie sich miteinander verbinden, austauschen und gemeinsam neue Lösungen finden.

Kunstb: Wenn Sie sagen, dass der Begriff Sammler nicht mehr so attraktiv ist, wie wollen Sammler:innen dann genannt werden? Was ist ein attraktiveres Label?

Jana Noritsch: Gute Frage. Ich glaube, Sammler:innen wollen gar keine neue Schublade aufmachen. Es geht ihnen eher um die Leidenschaft, um die persönlichen Begegnungen mit den Künstler:innen, mit den Kunstwerken. Teilweise steckt dort aber auch falsche Bescheidenheit dahinter: Sie wollen sich nicht in irgendwelche Sammlerränge einordnen.

Jana Noritsch im Gespräch bei der Sammlungsausstellung des Collectors Club Berlin 2017
(Foto: Nils Homann)

Kunstb: In diesem Jahr ist bekannt geworden, dass verschiedene prominente Sammlungen wie die Sammlung Flick und die Olbricht Collection Berlin verlassen werden. Auch Julia Stoschek hat angekündigt, dass sie bis 2022 über den Weggang aus Berlin nachdenkt. Wie attraktiv ist Berlin als Standort für Sammler:innen Ihrer Einschätzung nach?

Jana Noritsch: Jede dieser Entscheidungen, die zuletzt gehäuft in den Medien publik gemacht wurden, muss differenziert betrachtet werden. Es sind immer individuelle Gründe, warum jemand anfängt zu sammeln oder warum jemand ein Privatmuseum gründet und der Öffentlichkeit zugänglich macht. Thomas Olbricht hat nach zehn Jahren Präsenz in Berlin geäußert, dass er eine Interessensverlagerung vornimmt. Das ist also eine ganz private Entscheidung, die nichts mit Berlin oder dem Standort zu tun hat. So ein Museum zu unterhalten, kostet eine Menge Geld und es stellt sich immer die Frage, wie man das  finanzieren kann. Dort wurde tolle Arbeit geleistet und der Weggang ist sehr schade, aber die Sammlung existiert ja weiter in Essen. Was Flick angeht, hat Berlin natürlich Mist gebaut. Aber auch in dem Fall geht es eben woanders weiter. Ich finde, wir sind alle flexibel genug, um im Zweifel auch zu einer Ausstellung zu reisen.     

Julia Stoschek ist noch einmal ein eigenes Thema. Sie hat so ein bisschen Wirbel gemacht und ich weiß nicht, ob das wirklich mit den erhöhten Mieten zu tun hat. Was ich in jedem Fall toll finde, ist ihre Initiative, die Video-Kunst ihrer Sammlung ins Internet zu stellen. Ihre Kollektion ist ja quasi ihr Schatz. Diese zugänglich zu machen, frei und kostenlos, finde ich sehr wertvoll. Auch für die kunsthistorische Betrachtung von Sammlungen ist das ein wichtiger Schritt. Bei allen, die jetzt aufschreien, muss man sich auch fragen, wie oft geht man denn in so ein Museum? Das kostet fünf Euro Eintritt und keine:r der Berliner:innen geht dort mehr als einmal in zwei Jahren hin. Das ist ja das Problem, das alle Privatsammler:innen haben: Wie kriege ich die Menschen ins Museum? Das kennt man von den öffentlichen Sammlungen und das geht den privaten nicht anders. Berlin ist aber als Standort nach wie vor sehr attraktiv.

Wenn der Fokus so wegrutscht von der Kunst zur Inszenierung hin, dann wird es für mich schräg. Dann wird Kunst zu einem Produkt, dann könnte das auch die Kaffeemaschine sein, die George Clooney uns ans Herz legt.

Kunstb: Was für Formate finden Sie denn gut, um Sammlungen der Öffentlichkeit zugänglich zu machen? Gerade in Corona-Zeiten haben wir ja auch viele digitale Formate erlebt. Gab es etwas, was Sie besonders überzeugend fanden?

Jana Noritsch: Im Grunde genommen geht es mir persönlich um die Kunst. Wenn der Fokus so wegrutscht von der Kunst zur Inszenierung hin, dann wird es für mich schräg. Dann wird Kunst zu einem Produkt, dann könnte das auch die Kaffeemaschine sein, die George Clooney uns ans Herz legt. Ich finde sämtliche Talkformate toll, wo Erfahrung, Emotion und Wissen ausgetauscht und vermittelt werden. Wir müssen mehr das Gespräch initiieren und Verbindungen zueinander finden: die Galerist:innen mit den Künstler:innen, die Museen mit den privaten Sammler:innen. Alles, was verknüpfend und grenzüberschreitend ist, gefällt mir sehr. Und das ist ziemlich schwierig, weil Kunst ihre Aura im Digitalen verliert. Wir wollen sie in Echt sehen und ihr begegnen. Und dann nimmt sie auch jede:r anders wahr. Das heißt, wenn mir Museumskurator:innen in einem Online-Format erzählen, warum sie Werk wichtig finden, heißt das noch lange nicht, dass es bei mir Widerhall findet. Dass wir es mit Unikaten zu tun haben, ist das Schwierige an der Kunst, aber auch eine große Chance. Jedes Werk kann einen großen Fan finden. Programme im Fernsehen und Radio werden für ein Millionenpublikum gemacht. Das ist anders bei der Kunst. Durch ihren Unikatcharakter macht sie mit jedem Menschen etwas anderes.

Kunstb: Wie hat der Collectors Club in den Zeiten, in denen es nicht möglich war, sich direkt zu treffen, in seiner inneren Kommunikation weitergearbeitet? Haben Sie hier erfolgreiche neue Formate erlebt?

Jana Noritsch: Vieles ist einfach nicht passiert. Ich habe unheimlich viel telefoniert, aber ich habe keine Formate neu entdeckt, die ich nach vorne stellen könnte, leider. Dieses Virus, das diese Pandemie begründet, ist so existenziell und alle gesellschaftlichen Gruppen betreffend, dass wir alle gleichermaßen in dieser Schockwelle gefangen waren. Was passiert ist, ist, dass die Leute sich zurückgezogen und besonnen haben. Alle, die Kunst haben, waren froh darüber und haben das auch kommuniziert. Und sie haben vielfach angefangen, Sammlungsverzeichnisse zu erstellen. Sie haben sich überlegt, wie kann ich mich in diesem Mix aus digitalen und öffentlichen analogen Treffen, positionieren. Brauche ich vielleicht mal eine Publikation? Wer bin ich eigentlich und wo will ich hin? Es hat viel Besinnung stattgefunden, aber es war nicht unbedingt kommunikativer als vorher.

Kunstb: Die Besinnung nach Innen ist eine interessante und für viele Lebensbereiche beschriebene Wirkung der Corona-Krise gewesen. Wie sind die Sammler:innen darüber hinaus betroffen? Ist es gerade attraktiv, Kunst zu kaufen oder herrscht eher Unsicherheit?

Jana Noritsch: In meiner Wahrnehmung habe ich mehr davon erfahren, dass die Leute ihre Sammlungen schärfen wollen. Es ist gerade ein sehr günstiger Zeitpunkt, Kunst zu kaufen und viele haben sich damit beschäftigt, auch weil sie jetzt Zeit hatten. Sie haben Gespräche mit Galerist:innen und Künstler:innen geführt und sich auf dem Zweitmarkt genauso wie auf dem Erstmarkt umgeschaut, was sie noch dazu nehmen. Es gibt natürlich ebenso Leute, die ihre Aufträge verloren haben und momentan keine Kunst kaufen. Aber die überlegen auch nicht zu verkaufen. Wir sind ziemlich am Anfang der Pandemie. Man mutmaßt ja, dass es in der zweiten Jahreshälfte noch einmal krachen wird und viele Firmen schließen. Aber dieser Konsumeinbruch, was andere Produkte angeht, betrifft die Kunst bisher nicht: Es gibt einfach zu viele Möglichkeiten, sich damit zu beschäftigen und – auch mit kleinem Budget – die Sammlungen weiter zu vergrößern.

„Ich möchte es generell jedem ans Herz legen, über Kunst zu schreiben, weil es so viel gibt, was einen berührt.“  

Kunstb: Sie sind neben Ihrer Arbeit für den Collectors Club auch schreibend tätig. Wie sah Ihr Werdegang aus?

Jana Noritsch: Ich bin Germanistin und Kulturwissenschaftlerin. Ich habe in Kambodscha meine Abschlussarbeit zur Erinnerungskultur des Genozids geschrieben. Dort habe ich wahrgenommen, wie unterschiedlich das Kollektiv im Vergleich zu dem Einzelnen gesellschaftliche Umbrüche wahrnimmt. Diese Erfahrung habe ich in Bezug gesetzt zu dem Holocaust-Gedenken im Deutschland. Dabei ist mir auch aufgefallen, wie unterschiedlich Menschen und Völker in ihrem Umgang mit dem Gedenken sind. Das Kulturübergreifende war mir schon immer wichtig. Neben dem Studium habe ich in der Berliner Kunstszene gewirkt und Ausstellung für verschiedene Vereine oder Formate realisiert. Ich kannte, glaube ich, irgendwann 250 Künstler:innen. Ich empfand die bildende Kunst immer als etwas Besonderes. Sie hat mich so gefesselt, dass ich nicht mehr davon wegkam. Nach dem Tod meiner Mama bin ich in mich gegangen und habe überlegt: Was willst du jetzt wo machen? Du kannst jetzt überall hin, alles tun und neu anfangen. Dann habe ich im Januar 2014 den Collectors Club gegründet mit der Entscheidung, in dieser Kunstszene dafür zu sorgen, dass alle ein bisschen mehr voneinander erfahren.

Kunstb: Wie entscheiden Sie, worüber Sie in der vielfältigen Kunstszene schreiben?

Jana Noritsch: Es ist für mich stark persönlich motiviert, worüber ich schreibe. Oftmals konstruiere ich das so, dass ich eine These aufstelle und mir dann jemanden ins Interview nehme oder eine künstlerische Position befrage. Mein Ansatz funktioniert immer über viele Fragen. Ich finde es auch wichtig, über die Kunstmarktszene hinaus zu gucken und sich von anderen Geschäftsfeldern Strategien oder Modelle abzuschauen. Wir sind so ein kleiner Teil der Gesellschaft, der sich von früh bis spät mit Kunst beschäftigt. Und ich liebe es und ich will gar nichts anderes, aber um weiter zu kommen, müssen wir auch über den Tellerrand schauen.

Kunstb: Und was macht eine gute Kolumne für Sie aus?

Jana Noritsch: Für mich macht einen guten Text über Kunst aus, dass Autor:innen sich nicht selbst profilieren und mit wissenschaftlichen Begriffen um sich schmeißen. Es bringt  Leser:innen am meisten, wenn man sich dem wirklich annähert und sich auf die zu beschreibende Kunst einlässt. Dann kann man auch zu dem Schluss gelangen, ich komme da irgendwie nicht ran, was auch selten mal passiert. Aber es ist vor allem wichtig, dass die Kunst im Zentrum steht. Es darf außerdem nicht um Vermarktung gehen, auch wenn es natürlich super für Künstler:innen ist, wenn sie besprochen werden. Ich möchte es generell jedem ans Herz legen, über Kunst zu schreiben, weil es so viel gibt, was einen berührt.  

Ich schreibe und bearbeite auch Werkverzeichnisse. Ein ganz wichtiger Aspekt ist bei den Künstler:innen-Nachlässen ja, dass man von dem künstlerischen Oeuvre nur fünf bis fünfzehn Prozent übriglassen soll, damit es überhaupt in diesen kunsthistorischen Kanon passt. Damit fallen alle Nebenwege weg, alle Experimente, alles, was den Menschen ausmacht. Ganz viel soll dem Müll übergeben werden. Das finde ich schon sehr massiv und ich gehe die Sachen gerne anders an. Momentan sitze ich an einem Catalogue raisonné und freue mich über den frischen Mut der Nachlassgesellschaft, ihre Ideen und Impulse, wie wir den Werkkatalog modern aufbauen können, welche Themen zusätzlich besprochen und neue Wege gegangen werden könnten. Gerade war ich aber erst einmal im Atelier und muss mich in das Werk und das Leben dieses Malers einfühlen.

Kunstb: Haben Sie abschließend noch einen Tipp für Berufseinsteiger:innen in den Kunst-Journalismus oder generell im Kunstfeld?

Jana Noritsch: Das ist so ein weites Feld. Es ist wichtig, zu überlegen, wohin die Reise gehen soll. Ich habe viele Leute begleitet, die im Auktionshaus oder in einer Galerie angefangen haben und dann relativ schnell frustriert wieder ausgestiegen sind oder die Kunstszene ganz verlassen haben. Man sollte schon gucken, welcher Typ man ist und was man bewirken will. Wenn man sich darauf besinnt, was man für das eigene Leben und den eigenen Werdegang will, wo man wirken will, dann steuert der Bauch das schon in die richtige Richtung. Ob man sich in Richtung des Kunstmarkts orientiert – also Galerien und Messen – oder des Museums oder des Journalismus, es gibt viele spannende Möglichkeiten. Über Kunst zu schreiben, Videos zu drehen, Youtube-Channel, Radio und Podcasts zu machen, das ist auch alles sehr wichtig. Bevor man in der Vielfalt der Möglichkeiten verloren geht, ist mein Tipp, wirklich in sich selbst hineinzuhorchen und dann wird das ein guter Weg.

Kunstb: Wir bedanken uns für das Gespräch!

Titelbild: Jana M. Noritsch © Nils Homann

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