„Bestandsaufnahme Gurlitt“: Die Büchse der Pandora

Text und Bild von Magdalena Lösch

Während der Chef des Verfassungsschutzes aufgrund seines Fehlverhaltens, seiner politischen Befangenheit und seiner Falschaussagen vor dem deutschen Parlament zunächst zum Staatssekretär befördert und dann doch nur zum Sonderbeauftragten im Bundesinnenministerium ernannt wurde, eröffnete im Martin Gropius Bau die dritte und letzte Station der Ausstellung „Bestandsaufnahme Gurlitt“, die den Schwabinger Kunstfund erstmalig in Berlin zeigt. Was hat das eine mit dem anderen zu tun? Ziemlich viel. Denn während sich die Fälle zu häufen scheinen, in denen unabhängig arbeitende Institutionen plötzlich politisch agieren, Fälle, die den Verdacht nähren, dass einzelne Behörden von höchster Stelle übergangen oder unter Druck gesetzt werden, entwickelt sich die Causa Gurlitt still und heimlich hinter den Kulissen der sauberen Museumsarchitektur zu eben einem dieser Politthriller.

Aber zunächst zurück zur Ausstellung. Nach den Stationen im Kunstmuseum Bern und der Bundeskunsthalle in Bonn wird die Kunstsammlung von Cornelius Gurlitt nun also auch in der Hauptstadt gezeigt. Erstmalig ist dabei ein großes Konvolut aus Bern und Bonn, also eine Auswahl der gesamten Kunstsammlung, zu sehen. Die vorherigen Ausstellungen hatten zunächst nur die sogenannten „entarteten“ Kunstwerke (Bern) und die Verdachtsfälle der „Raubkunst“ (Bonn) gezeigt. Die Kuratorin Agnieszka Lulinska übernimmt also nicht einfach nur die Konzepte der vorherigen Museen, sondern stellt die Bilder in den Kontext neuer Forschungsergebnisse und führt so die Geschichte um den Kunstfund fort. Gewissermaßen sehen die Besucher also Folge 3 der „Bestandsaufnahme Gurlitt“.

Was bisher geschah:

Im September 2010 wird Cornelius Gurlitt (1932-2014), Sohn des Kunsthändlers Hildebrandt Gurlitt (1895-1956), an der deutsch-schweizerischen Grenze im Zug nach München von Zollfahndern kontrolliert. Weil eine größere Menge an Bargeld bei ihm gefunden wird und der alte Mann sich nervös verhält, nehmen die Beamten routinemäßig seine Personalien auf. Später im Büro stellen die Zollfahnder fest: Cornelius Gurlitt ist nicht in München gemeldet, er besitzt weder ein deutsches Konto noch eine Sozialversicherungsnummer, der Mann ist ein Phantom. Die Zollbeamten schöpfen den Verdacht der Steuerhinterziehung. Zwölf Monate später erwirkt die Staatsanwaltschaft Augsburg einen richterlichen Durchsuchungsbeschluss für Gurlitts Münchener Wohnung. Im Februar 2012 dringen Zoll und Polizei bei ihm ein und finden eine Sensation: 1.280 Kunstwerke, darunter Bilder und Zeichnungen von Chagall, Monet, Courbet, Cézanne, Degas, Gauguin, Renoir, Dürer, Dix, Beckmann und viele weitere Gemälde, die bisher als verschollen galten. Die Fahnder beschlagnahmen alle Werke.

3. November 2013: Das Nachrichtenmagazin Focus titelt in fetten Lettern „DER NAZI-SCHATZ“ und macht so erstmalig den Kunstfund publik. Die Journalist*innen vermuten in ihrem Artikel, es handle sich um eine NS-Raubkunstsammlung und kritisieren, die Politik habe den Fund verschwiegen und vertuscht. Daraufhin bricht eine internationale Medienkampagne los und reißt Cornelius Gurlitt aus seiner Anonymität. Es folgen Überschriften wie „Ein Fall von Massenraubmord“ (Jüdische Allgemeine), Horden von Journalist*innen belagern nun die Wohnung des alten Mannes, klingeln, klopfen, befragen Nachbar*innen. Die Polizei verkündet parallel, dass sie nach umfangreichen Ermittlungen keinen Anhaltspunkt für einen Straftatbestand sehe. Gurlitts Sammlung bleibt beschlagnahmt.

Die deutsche Bundesregierung und die Kulturstaatsministerin Monika Grütters reagieren auf den medialen Druck und richten eine Task Force ein. Diese soll mit militärischer Entschlossenheit unter der Leitung der Juristin Ingeborg Berggreen-Merkel die Sammlung Gurlitt auf den NS-Raubkunstverdacht hin überprüfen und die Herkunft aller Werke ermitteln. Was die Politik aber verschweigt: Cornelius Gurlitt ist nach deutschem Recht Eigentümer der Sammlung, die Rückgabefristen sind längst verstrichen, Raubkunst zu besitzen ist nach geltendem Recht kein Verbrechen. Doch den Mut bringt niemand auf und so beginnt die Task Force damit, Werke der Sammlung ohne Rechtsgrundlage im Internet zu veröffentlichen.

Im Frühjahr 2014 wird Cornelius Gurlitt ins Krankenhaus eingeliefert. Sein Gesundheitszustand ist desolat. Polizei und Feuerwehr hatten ihn aus seiner Wohnung geholt, in der er unter dem öffentlichen Druck zusammengebrochen war. Er ist unterernährt und schwer herzkrank. Der alte Mann stirbt wenige Wochen nach einer Bypassoperation und vererbt seine Sammlung dem Kunstmuseum Bern.

Genau zwei Jahre später veröffentlicht die Task Force ihren Abschlussbericht. Das Ergebnis ist eine volle Blamage: Der Raubkunstverdacht hat sich bei gerade einmal sechs Werken bestätigt, die Herkunft eines Großteils der Bilder konnte bis dato nicht ermittelt werden. Monika Grütters löst die Task Force auf und kündigt die besagte Ausstellungsreihe in den Museen in Bern, Bonn und Berlin an.

3. November 2017: durch die Recherche des freien Journalisten Maurice Philipp Remy kommt ans Licht, dass die Leiterin der Task Force, Ingeborg Berggreen-Merkel, Cornelius Gurlitt zwei Tage vor seiner Bypassoperation einen Brief ins Krankenhaus schickte. Darin schreibt sie, sie habe es bisher geschafft, ein juristisches Betreuungsverfahren gegen ihn aufzuhalten. Um dies weiterhin zu tun, müsse Gurlitt aber seine Kunstsammlung in eine Stiftung überführen. Falls nicht, könne sie nicht für seine persönliche Sicherheit garantieren und es bestünde außerdem aufgrund der aktuellen Vorkommnisse die Gefahr einer internationalen Prozessflut gegen ihn. Es sei daher das beste für ihn, seinen Privatbesitz zu übertragen, damit er „Frieden“ finde.

Oppositionsparteien schalten sich nun ein. Die FDP Bundestagsfraktion stellt eine offizielle Anfrage an die CDU: Handelte Berggreen-Merkel in einem politischen Auftrag? Wusste Monika Grütters von diesem Brief? Auf Grund welcher juristischen Begründung wurde Gurlitts Kunstsammlung beschlagnahmt? Gab es Absprachen zwischen der Staatsanwaltschaft und dem Kulturstaatsministerium? Und wenn ja, sind diese mit der Trennung von Exekutive und Judikative vereinbar? Dass viele Werke aus Gurlitts Sammlung unter das – von Monika Grütters initiierte – Kulturgutschutzgesetz fielen und deshalb gar nicht außer Landes in das Kunstmuseum Bern hätten gebracht werden dürfen, wirkt angesichts der offenen Vorwürfe allenfalls wie eine Randlappalie.

September 2018: Die Linke, FDP und die Freien Wähler fordern einen Untersuchungsausschuss zur Causa Gurlitt nach der Bayerischen Landtagswahl.

Ende offen.

Die Ausstellung:

Die Besucher*innen betreten die Eingangshalle des Ausstellungsraumes und blicken auf einen unscheinbaren, geschlossenen Koffer, der sich in Spiegelwänden und -böden zu vervielfachen scheint. Ihn rettete Cornelius Gurlitt vor den Fahndern, nahm ihn mit ins Krankenhaus an sein Sterbebett und bewahrte in ihm seinen wertvollsten Besitz: Grafiken von Nolde, Picasso und Beckmann.

Hinter dem Koffer ist eine Wand mit unzähligen Zeitungstiteln bezogen. In der Mitte prangt das Focus Magazin mit einem Foto Adolf Hitlers und der berühmten Überschrift „DER NAZI-SCHATZ“. Damit ist klar, hier ist keineswegs irgendein Koffer ausgestellt, sondern vielmehr die Büchse der Pandora. Was verbirgt sich in ihr – Gräuel, Laster und Raubkunst?

Hier startet die komplexe Ausstellungserzählung, die durch vier unterschiedliche Blickwinkel schauend die Besucher*innen durch die „Bestandsaufnahme“ führt. Der erste Erzählstrang ist das Leben von Hildebrandt Gurlitt, dem berühmten Kunsthändler und Vater von Cornelius. Er ist der Protagonist der Ausstellung, denn er war derjenige, der die Kunstsammlung zum Großteil ankaufte. Seine Biografie liest sich wie eine Steilvorlage für Romane von Nachkriegsliteraten wie Grass oder Böll: Hildebrandt Gurlitt, geboren 1895, diffamiert als „jüdischer Mischling II Grades“, kühner Verfechter der von den Nazis verhassten Moderne, muss in den 1930ern unter dem politischen Druck sein Kunstkabinett schließen und seine Stelle als Leiter des Kunstvereins Hamburg aufgeben. Und gleichzeitig: Hildebrandt Gurlitt, Chefeinkäufer Hitlers, Profiteur der Enteignung jüdischer Bürger*innen, und Betrüger, der Falschaussagen macht, um seine Raubkunst nicht zurückgeben zu müssen. Hildebrandt Gurlitt war berüchtigter Kunsthändler des Reichskanzlers und leidenschaftlicher Retter der Avantgarde zugleich. Das passt auf den ersten Blick nicht zusammen, doch gerade die vielen Brüche und Widersprüche der Biografie entfalten das Bild einer typisch deutschen Geschichte, wie es sie millionenfach gegeben hat: Angst, Scham, Gier und über allem der Opportunismus als Überlebensstrategie.

Daran entlang hangelt sich nun der zweite Erzählstrang, der die deutsche Geschichte, vom Kaiserreich bis in die Nachkriegszeit darlegt: die Gräuel des 1. Weltkrieges, die 1920er Jahre als gesellschaftlicher Befreiungsschlag, die Machtergreifung der Nationalsozialisten und die verschwiegene Spießigkeit der Adenauer-Ära.

Spiegel der jeweiligen politischen Ideologie ist der dritte Erzählstrang, die Kunst selbst. Gurlitt sammelte hauptsächlich seine Zeitgenoss*innen, also Künstler*innen der Moderne. In ihren Werken zeigt sich auch der Kampf um die Deutungshoheit von Kunst. Während beispielsweise Joseph Goebbels im starken Duktus und Ausdruck der Expressionist*innen eine Metapher für das neue völkische Selbstbewusstsein sah, befand Adolf Hitler sie als vollkommen „entartet“. Auch bei der skandinavischen Kunst, war man sich lange uneins. Waren Munchs Bilder voller „nordischer“, „wikingischer“ Stärke oder zeigte sich in ihr der „Kulturverfall“? Jüdische Künstler wie Max Liebermann wurden zunächst als „preußisch“ und deutsch-national gefeiert und später verfemt und diffamiert. Von ihm zeigt der Gropius Bau das Gemälde „Zwei Reiter am Strand“ (1901). Auf dem Bild traben zwei Männer auf Füchsen durch das aufgepeitschte Wasser der Nordseebrandung. Gischt schlägt gegen die Fesseln der Tiere. Der wolkenverhangene Himmel schimmert grau und schwer im Gegenlicht, während der Wind durch die Mähne der Pferde saust. Die beiden Reiter aber sitzen sicher im Sattel. Lässig lehnt sich der vordere zu seinem Nebenmann und ruft ihm etwas zu. Einzig die Pferde scheinen nervös. Das hintere steht fest auf allen vier Hufen und bäumt den Kopf, so als fürchte es die heranrollenden Wellen. Kennt man die Geschichte des Gemäldes, dann wirken die zwei Pferde voraussehend weise, ganz so als ahnten sie, dass der Ausritt zu einer Irrfahrt werden würde.

Max Liebermanns „Zwei Reiter am Strand“ gehörte dem jüdischen Kunstsammler David Friedmann aus Wrocław, damals Breslau. Bis zu seinem Tod am 2. Februar 1942 befand es sich nachweisbar in seinem Besitz. Sein einziges Kind Charlotte erbte das Bild, aber konnte sich selbst nicht mehr retten. Nur zwei Wochen nach dem Tod des Vaters wird sie nach Ravensbrück deportiert, von dort am 9. Oktober nach Ausschwitz gebracht und noch am selben Tag vergast.

Das Liebermann Gemälde aber tauchte wenige Wochen später im schlesischen Museum für bildende Künste auf, dessen Leiter es Gurlitt zum Kauf anbot. Wie, wann genau und für welchen Preis Gurlitt die „Zwei Reiter am Strand“ kaufte, und ob er um das Schicksal der rechtmäßigen Eigentümerin wusste, ist bis heute unklar. 2014 wurde das Bild an die Nachfahren der Familie Friedmann restituiert und ein Jahr später für 2,7 Mio. Euro bei Sotheby’s verkauft.

Mit der Geschichte hinter den Bildern, mit ihrer Provenienz und der Beschreibung der Schicksale jüdischer Besitzer*innen schließt sich die Geschichte der Ausstellung zu einer komplexen und spannenden Erzählung.

Wer regelmäßig in Museen geht und es gewohnt ist, per Audioguide mit Daten und Allgemeinbildungswissen zu Bildern und Epochen belehrt zu werden, stellt fest: so differenziert wie hier wurde schon lange nicht mehr auf Kunst geschaut, und den Mut aufzubringen, Fragen und Widersprüche aufzudecken, anstatt plumpe Deutungshoheit zu beanspruchen, das trauen sich nicht viele Institutionen. Beim Hinausgehen laufen die Besucher*innen dann durch einen Flur, an dessen rechter Wand ein „Impressum“ zu sehen ist, in dem alle Mitarbeiter*innen und Sponsor*innen aufgeführt werden. Die meiste Aufmerksamkeit zieht eine große weiße Plakette auf sich. Auf ihr ist der Bundesadler zu sehen, eine schwarz-rot-goldene Flagge und daneben steht in staatlichen Lettern „Die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien“ – Monika Grütters. Und da fällt es einem siedend heiß wieder ein: War da nicht etwas? Wurde hier nicht eine Privatperson namens Cornelius Gurlitt von höchster staatlicher Stelle unter Androhungen dazu gedrängt, seinen Privatbesitz abzutreten, um dadurch aufarbeiten zu können, dass während des Nationalsozialismus Privatpersonen von höchster staatlicher Stelle unter Androhungen dazu gedrängt wurden, ihren Privatbesitz abzutreten? Wie konnte es überhaupt dazu kommen, dass eine Vertreterin der Bundesregierung behauptet, ein juristisches Verfahren stoppen zu können? Arbeitet die Justiz in diesem Land unabhängig – in jedem einzelnen Fall? Die „Bestandsaufnahme Gurlitt“ handelt auch von der Geschichte eines Bürgers, gegen den erbarmungslos mit der vollen Wucht des Staates vorgegangen wurde. Das aber erzählt die Ausstellung mit keinem Wort.

Wenige Schritte weiter gelangt man ins Treppenhaus und guckt beim Hinausgehen, am Einlasspersonal vorbei, hinein in den allerersten Ausstellungsraum, und unweigerlich bleibt der Blick auf dem schlichten Koffer im kleinen Spiegelkabinett hängen und man denkt sich: da liegt sie, Frau Grütters Büchse der Pandora. In Berlin bleibt sie verschlossen.

 

Die Ausstellung “Bestandsaufnahme Gurlitt. Ein Kunsthändler im Nationalsozialismus” ist noch bis zum 7. Januar 2019 im Martin-Gropius-Bau zu sehen.

Ein Kommentar zu „„Bestandsaufnahme Gurlitt“: Die Büchse der Pandora

  1. Meine Meinung nach Lektüre auch FAZ. Grulitt war ein Privatmann, dem großes Unrecht durch staatliche deutsche Stellen der BRD wiederfahren ist. Er ist auch nicht verpflichtet gutgläubig Erworbenes abzugeben.

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