Im Museum

von Ida Rees

Ich, du, er, sie, wir, ihr, sie – alle sind befristet?!

Ruben Östlund trifft sehr wohl einen wunden Punkt. „The Square”, der satirische Film über die Stockholmer Kunstszene, bleibt einem mit Erstickungspotenzial im Halse stecken. Die Debatte kommt weiter ins Rollen mit der Januarausgabe der Monopol und ihrem Titelthema „Kuratoren abschaffen?“. Das Humboldt Forum als neues Glanzstück auf der Museumsinsel stand im vergangenen Jahr in vielfältiger Kritik. Die Presse begleitet lebhafte Diskussionen um Inhalt, Aufgaben und Provenienzforschung. Beim Anblick all dieser Mitteilungen um Dekonstruktion, Kritik und Streit wird deutlich, in der Museumslandschaft brodelt es.

Schweift man den Blick weg, von den prominenten Positionen, hin zum „normalen“ Museumsmitarbeiter, kommen auch hier negativ Schlagzeilen ans Licht. Das Frühjahr 2017 beginnt für die Mitarbeiter des DHM mit gemischten Gefühlen. Laut TAZ waren über 40 MitarbeiterInnen von „drohenden Rückstufungen” betroffen.

Die Realität in einem Museum zu arbeiten desillusioniert. Sie tut es, nicht in Bezug auf die vielfältigen und spannenden Tätigkeitsfelder, sondern in Hinblick auf Arbeitsverträge und Personalpolitik. Ja, leidige Themen, vielleicht langweilige Themen. Beim Blick auf Zukünftiges, kommen wir jedoch nicht, um wissenswerte Fakten herum.

Bei mehr als 175 Museen in Berlin, ist für jeden etwas dabei. Von der Domäne Dahlem, über das Schwule Museum hin zum Verborgenen Museum, ist das Spektrum extrem vielfältig. Nach dem Masterstudium der Kunstgeschichte o.ä. und berufspraktischen Erfahrungen kann man im Prinzip loslegen mit Projektassistenz, als wissenschaftlicheR MitarbeiterIn, PressereferentIn oder MuseumspädagogIn. Auf dem Weg zu Positionen als SammlungsleiterIn, KuratorIn oder DirektorIn, bestenfalls noch die Abzweigung Volontariat und/oder Promotion wählen, dann nach langjähriger Berufserfahrungen, sein Ziel erreichen. Während des Studiums ab und zu den Blick in die Stellenangebote der Websites Kunsthistoriker.org (mit Verlaub, könne man das nicht langsam Mal genderneutral formulieren) und bvdg.de werfen, lohnt sich. Was schnell deutlich wird – Angebote für Tätigkeiten im Museum existieren. Was scheinbar gefordert wird – Flexibilität und Ausdauer.

Flexibilität und Ausdauer bedeutet aber auch, sich von Befristung zu Befristung hangeln. Diese ist bei den meisten, deutschlandweit angebotenen Stellen, quasi Einstellungskriterium geworden. Nach der gewohnten Laufzeit von zwei Jahren, führt der Weg in den nächsten Job oder in die Arbeitslosigkeit. Bestenfalls sollte man sich nicht auf eine Stadt fokussieren, sondern wie im Backpackerurlaub in Ostasien auch, Inselhopping betreiben. Inselhopping, also Städtehopping, nicht alle zwei Tage, sondern alle zwei Jahre. Ist das Fluch oder Segen? Schaut man auf die eigenen 20er Jahre, wie oft hat man WG, Stadt, Land bereits gewechselt? Vielleicht ist es ein Teil unserer Generation, getreu aller Konsumentenstrukturen, auch das Leben, mit all seinen Vorzügen konsumieren. Dabei spielt der Schnelllebigkeitsfaktor keine oder eine Rolle. Wie wir bereit sind die Unterhose täglich zu wechseln, ist die Welt in der wir leben, gewohnt, dass wir Wohn- und Arbeitsort stetig verändern können. Wie lange man Lust hat das paradiesische Inselhopping auch auf seine eigene Karriere zu beziehen muss sich jeder selbst klar werden. Die Alternative könnte der ein oder andere Monat Arbeitslosigkeit sein.

Woran man in seinen eigenen 20er Jahren vielleicht noch nicht so sehr denkt ist das Thema Familie. Laut Hans Böckler Stiftung, sind „mehr als 60 Prozent aller befristet Beschäftigten unter 35 Jahre alt”. Für diese Gruppe gilt auch, dass sich ihr Beschäftigungsverhältnis negativ in ihrer „Familiengründungsphase” auswirkt. Kurzum, weniger Ehen und weniger Kinder.

Den Folgen für einen selbst, seien die Folgen für die Institution Museum hinter hergestellt.

Gerade in prominenten Häusern, meistenfalls verstaatlicht, mit vielen Mitarbeitern, wirkt sich die befristete Personalpolitik aus. Die Fluktuation ist groß, ständig sind Mitarbeiter neu einzuarbeiten, das frisst Zeit und Kraft.

Die zweijahres-Befristung in staatlichen und kommunalen Museen, haben die Museen nicht selbst verhandelt, sie trifft so ziemlich jeden Arbeitnehmersektor. Während befristete Arbeitsverträge in Deutschland, nach und nach vermehrt ab den 1990er Jahren eingeführt wurden, um u.a. die Arbeitslosenzahlen zu verringern, versprach die SPD in der aktuellen Koalitionsbildung das Ganze endlich zu reformieren. Bitter nötig hat so eine Reform auch der museale Betrieb. Ob als wissenschaftliche Projektassistenz, MuseologIn, MuseumspädagogIn, wissenschaftlicheR MitarbeiterIn, kurzum in gerade den Jobs, die in den seltensten Fällen unbefristet sind, scheinen zwei Jahre nahezu ein lächerlicher Zeitraum zu sein. Nach einer Einarbeitungszeit, folgt eine effektive Arbeitszeit, bevor man sich drei Monate vor Vertragsablauf schon wieder um den nächsten Job kümmern muss. Die Qualität der Arbeit soll hier an keiner Stelle infrage gestellt werden. Wohl heraus klingen aber der Ruf nach Menschlichkeit und Arbeitnehmerfreundlichkeit.

Diese großen Wissensspeicher, wie sie auf der Museumsinsel sitzend, ausstrahlen in ganz Berlin! Sie bilden neben Kindergärten und Schulen, Forschungseinrichtungen und Universitäten wichtige, bildungszentrale Säulen der Gesellschaft. Warum dümpeln dabei so viele Mitarbeiter in dunklen, lebenseinschränkenden Verträgen? KunsthistorikerInnen und GeisteswissenschaftlerInnen in diesen Positionen, in denen Wissen aufbereitet und verbreitet wird, gesellschaftliche Wertschätzung und Anerkennung zu geben, davon sind wir weit entfernt.

Über diese Widrigkeiten austauschen, sich im Vorfeld informieren und den eigenen Weg realistisch planen, kann dabei helfen, der Desillusion HerrIn zu werden. Schon während des Studiums solide Kontakte knüpfen und den Blick auch mal in ein kleineres Haus zu werfen, kann dabei Gold wert sein.

Weiterführende Links

http://www.taz.de/!5403874/

https://www.boeckler.de/wsi_52587.htm

Bildquelle: Ida Rees

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