Aus Europas Kunstgeschichte lernen

VON CAROLINE WARTH

„Aus Europas Geschichte lernen“ – so heißt die Ende März vom Landesverband der AfD Berlin angekündigte Wahlkampagne zur Europawahl 2019, die viel Aufmerksamkeit erregte und in die Schlagzeilen geriet. Mit Werken bekannter europäischer Künstler, will die Partei für ihre rechtskonservativen Vorstellungen werben.

Nach eigenen Angaben „anhand zahlreicher Motiven [sic] aus der deutschen und europäischen Kunstgeschichte auf gemeinsame, kulturelle Werte verweisen, die es heute mehr denn je zu verteidigen fällt [sic].“ In Wirklichkeit missbraucht die AfD diese zu Wahlzwecken eigens mit populistischen Phrasen verunstalteten Gemälde und beraubt sie ihrer ursprünglichen Bedeutung.

Die AfD suhlt sich im Shitstorm 
Anlässlich der Europawahl 2019 benutzt die rechtskonservative Partei jahrhundertealte Werke bedeutender Künstler der europäischen Kunstgeschichte, schreibt ihnen ihre ganz eigene Bedeutung zur Propagierung politischer Aussagen ein und zwingt damit die „traditionsreiche Hochkultur“ in die Knie. Der AfD zum Opfer fielen unter anderem Gemälde von Giuseppe Arcimboldo, Pieter Bruegel d. Ä. und Jean-Léon Gérôme. 

Anfang April sorgt die Kampagne für Aufruhr und veranlasst die AfD, ihre Wahlplakate – die es im Übrigen bis nach London geschafft haben – zugunsten ihrer ganz eigenen Interpretation der Geschichte Europas, stolz zu verteidigen. Trotz oder gerade Dank der bisweilen kritischen Resonanz gibt sich die AfD selbstüberzeugt und verteidigt die Kampagne mit den „Hingucker-Plakaten“ als „gelungen“. Im Fokus der Aufmerksamkeit stand und steht noch immer ein Plakat, das die Partei selbst als „spektakulär“ und „legendär“ feiert: Es zeigt einen Ausschnitt des „Sklavenmarktes“ von Jean-Léon Gérôme (1824 –1904).

LIBERTÉ, ÉGALITÉ, FCKAfDÉ
Im Zentrum von Gérômes Gemälde aus dem Jahre 1866 mit dem Titel „Le Marché d’esclaves“ („Der Sklavenmarkt“) steht eine nackte Frau, die von vier in reiche Gewänder gekleideten, Turban tragenden Männern umringt ist. Sie begutachten, ja inspizieren die Nackte regelrecht: Einer der Männer neigt mit der einen Hand ihren Kopf zu sich, während er Zeige- und Mittelfinger der anderen Hand an ihren Mund führt. Er scheint der Frau sprichwörtlich auf den Zahn zu fühlen. Aus westlicher Perspektive bot das Bild damals Anlass zur Kritik am in Europa verbotenen Sklavenhandel.

Der französische Historienmaler schuf einige „orientalistische“ Werke, welche westliche Vorstellungen des „Orients“ veranschaulichen. Die Bilder sind durch den Kolonialismus geprägt und sollen damalige koloniale Herrschaftsverhältnisse demonstrieren. Bei diesen Gemälden handelt es sich allerdings durchweg um zusammenkomponierte Bilderfindungen, die nicht die Realität abbildeten. Neben Haremsszenen war der Sklavenmarkt in der europäischen Kunst des 19. Jahrhunderts ein ebenfalls häufig auftretendes Sujet. Auf diese Weise wurden erotisierte Motive durch „exotisierte“ Darstellungen „orientalistischer“ Kunst gleichsam salonfähig.

Zum Leidwesen des Landesverbands der Berliner AfD bilde Gérômes Sklavenmarkt die „europäische Neuzeit“ ab. Das Wahlplakat trägt die Aufschrift „Damit aus Europa kein Eurabien wird!“.

Die AfD reißt Gérômes Gemälde nicht nur aus seinem Entstehungskontext, sondern missbraucht es für eigene Werbezwecke, um nicht nur auf die angebliche Sklaverei im Islam aufmerksam zu machen, sondern erneut vor der schon viel zu oft erwähnten, ach so gefürchteten „Islamisierung des Abendlandes“ zu warnen.
Was den Verantwortlichen für die Kampagne jedoch entgangen zu sein scheint, ist, dass das Gemälde eben nicht Europa einnehmende „Araber“ zeigt, sondern die damalige Kolonialherrschaft des „Okzidents“ über den „Orient“ demonstrieren soll.

Ein Schlag ins Gesicht der Missbrauchsopfer
Dennoch bleibt sie ihrer Linie treu, Hass und Hetze zu verbreiten und sich als rechtskonservative Partei alter Strategien (um nicht zu sagen alter Ideologien) zu bedienen. Für die Kampagne macht man sich eine Werbestrategie zu Nutze, die wir alle kennen: Sex sells! – ob bei Jean-Léon Gérôme oder der rechtskonservativen AfD – das hat schon immer geklappt.

Auch Islamfeindlichkeit und racial profiling sind bei der Partei nichts neues. In einem Tweet zitiert die Berliner AfD (wen auch immer): „Dabei ist das, was man sieht – von dem französischen Maler Jean-Leon Gérôme mit ‚unterkühltem Pinsel’ übrigens genial in Szene gesetzt – nur die ästhetisierte Umsetzung dessen, was sich in der Silvesternacht auf der Kölner Domplatte abgespielt hat.“
Ein Vergleich mit den Geschehnissen aus der Silvesternacht 2015/16 verbietet sich und dennoch zieht ihn die AfD.

Gérômes Gemälde spricht ohne Frage eine sexualisierte Bildsprache: Es stellt eine nackte Frau zur Schau und macht sie zum Lustobjekt männlicher Begierde – nicht zuletzt der des Voyeurs jenseits der Leinwand. Das Schicksal der Sklavintritt durch die erotisierte Darstellung des Frauenkörpers in den Hintergrund.
Unter dem Deckmantel Frauen vor sexuellen Übergriffen schützen zu wollen, versorgt die AfD „besorgte Bürger“ mit einem Anblick, bei dem dem ein oder anderen Betrachter das Wasser im Mund zusammenlaufen dürfte. Paradox! Da bleibt mir doch glatt die Spucke weg.

Mit ihrem vor „Eurabien“ warnenden Wahlplakat vergeht sich die AfD gleich zwei mal: zum einen an Gérômes Werk, das eine ungeheuerliche Fehlinterpretation erfährt; und – noch viel schlimmer – zum anderen an den Frauen*, die Opfer sexualisierter Gewalt wurden und die sie zum Anlass für ihre „Werbung“ mit einem nackten Frauenkörper nimmt. Dieser dichotome Missbrauch ist an Pietätlosigkeit nicht zu überbieten und dient allein der Hetze und Panikmache.

Babylon als Festung Europa
Während das eine Plakat vor einem vermeintlich drohenden „Eurabien“ warnt, thematisiert ein anderes eine Geschichte, die sich in Eurasien, genauer gesagt im historischen Babylon ereignet haben soll: ein anderes, ebenso spektakuläres Plakat, das in den Medien bisher völlig unterging, zeigt eines der bekanntesten Bilder Pieter Bruegels d.Ä. (um 1525/1530 – 1569). Der „Kleine Turmbau zu Babel“ fiel der Propaganda der AfD ebenfalls zum Opfer – „Damit Brüssel nicht Babylon wird.“

Bruegels „Kleiner Turmbau“ zeigt einen gewunden sich in die Höhe schraubenden Ziegelbau. Bis in den Himmel ragt der enorme Turm, der die Landschaft aus der er sich erhebt und die ihn errichtenden Menschen winzig klein erscheinen lässt. An der Spitze des Babylonischen Turms brechen sich Unheil verheißende Wolken.

Das Thema Turmbau zu Babel basiert auf historischen Begebenheiten, alttestamentlichen Überlieferungen und mythischen Erzählungen. Bruegels Darstellung bezieht sich auf die biblische Erzählung Genesis (11,1–9). In der Erzählung baut das „Volk“ Noahs einen Turm der bis in den Himmel reichen soll. Gott straft die Hybris der Menschen durch die Verwirrung der Sprache und ihre Zerstreuung über die ganze Erde. In der Erzählung des Turmbaus von Babel („Wirrsal“) gipfelt die Entfremdung des Menschen von Gott.
Der Turmbau symbolisiert Einheit und Zwietracht, Mut und Übermut, Grenzen und Grenzüberschreitungen, Machtbegehren, Hybris sowie die drohende Gefahr durch Selbstüberschätzung und macht es zu einem vielschichtigen und zeitlosen Motiv. Im Vordergrund steht das Wesen des Menschen, sein Schicksal als Individuum oder Teil einer Gemeinschaft und die Endlichkeit. Der Turmbau zu Babel steht damit für die Utopie der Einheit der Menschen.

Wortwörtlich will die AfD also verhindern, dass aus Europa ein „Wirrsal“ wird. Aber was soll uns das Plakat mit Bruegels Turmbau noch sagen? Ist die EU aus Sicht der AfD eine Utopie? Geht es hier um eine Zerschlagung der EU? Oder will die Partei mit Bruegels Turmbau möglicherweise eine Aussage zur Einwanderungspolitik treffen und damit vor einer befürchteten Verwirrung der Sprache und der Kultur warnen? Vielleicht steckt eine ethnopluralistische Ideologie im Sinne der AfD nahen „Identitären Bewegung“ dahinter? Mit Sicherheit bediente man sich dem vielschichtigen Motiv, um mehrere Aussagen zu treffen, welche das wirklich sind, bleibt dennoch Spekulation.

In einem Facebook-Post gibt sich die Berliner AfD scheinbar ungekannt europäisch:
„Mit dem an eine deutsche Wählerschaft gerichteten Aufruf ‚Europäer wählen AfD!‘ verweist die Kampagne nicht zuletzt auf die Tatsache, dass man sich als Deutsche durchaus auch als Europäer fühlen darf, denn man zählt nun einmal zur Schicksalsgemeinschaft Europas, infolgedessen hat man auch ein Mitsprache-Recht.“
Doch der Schein trügt. Der„deutschen Wählerschaft“ wird ein gewisses Maß an Europa-Gefühl eingeräumt, um sich ein Mitspracherecht in der „Schicksalsgemeinschaft“ Europa zu sichern und sich aus der Misere zu befreien. Nach dem Brexit, für den „Alleinherrscherin“ Angela Merkel verantwortlich gemacht wird, will die AfD nun den „Dexit“.

Interessant ist, dass sich die ansonsten einer populistischen Rhetorik bedienende AfD hier einer Symbolik bedient, die alles andere als allgemeinverständlich ist. Diese ungekannten Fähigkeiten beunruhigen mich. Dennoch versteht höchstwahrscheinlich nur ein Bruchteil der Betrachter*innen die versteckte Symbolik der AfD-Kampagne, die somit vermutlich nicht mal eigene Wähler*innen erreicht. Ein Wirrsal!

Mythen und Geschichten
Die „Geschichte“, die die Berliner AfD mit ihrer Kampagne erzählen will, verwirrt. Hinter populistischen „Slogans“ kontrastieren Werke der europäischen Kunstgeschichte. Zugunsten falscher Aussagen reißt man sie aus ihrem Kontext und dichtet ihnen einen direkten Bezug zur Gegenwart an. Denke ich an den Namen der Kampagne, drängen sich mir einige Fragen auf: Um wessen Geschichte geht es hier eigentlich? Was ist die Geschichte Europas? Wer schreibt Geschichte und wie stark ist die Geschichtsschreibung von der eigenen aktuellen Situation beeinflusst? Wie selektiv und subjektiv ist sie? 
Diese Frage danach, was die AfD für Europas Geschichte hält, hat sich auch schon vor Gaulands „Vogelschiss-Äußerung“ nicht gestellt. Wie gut, dass Björn Höcke jeden Tag beim Blick aus seinem Fenster an die „Geschichte Europas“ erinnert werden dürfte.

In der patriarchal geprägten griechischen Mythologie wird Europa von Zeus in Gestalt eines Stiers entführt und vergewaltigt. Nun gilt es, eine Entführung Europas durch rechtspopulistische Parteien zu verhindern. Nur ungern möchte ich mich als „besorgte Bürgerin“ schimpfen, doch im Hinblick auf den europaweiten Rechtsruck seitens der Wähler*innen wie auch der Politiker*innen: bester Prädiktor für zukünftiges Verhalten ist vergangenes Verhalten. Wahlprognosen möchte ich mir an dieser Stelle dennoch verkneifen und hoffe, dass alle spätestens bis zur Europawahl am 26. Mai 2019 ein bisschen schlauer geworden sind – nicht unbedingt aus der AfD, aber zumindest aus der Kunstgeschichte Europas – und so bleibt mir am Ende nur noch ein Aufruf: Geht wählen!

Abbildungen:
https://www.facebook.com/afdberlin, Zugriff: 23.05.2019.
https://twitter.com/AfDBerlin, Zugriff: 23.05.2019.

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