Kunst an Universitäten II: R. 3.16

von EVA DALVAI

R. 3.16 – oder der „Drei-Sechzehn“ im Fachjargon. Ein Seminarraum wie jeder andere im Kunsthistorischen Institut der Humboldt-Universität. Zumindest scheinbar.

Ein vermeintlicher Meterologe unter Kunsthistoriker*innen: eine Bronzebüste im Raum 3.16 des Kunsthistorischen Instituts der Humboldt-Universität. Foto: Eva Dalvai

Wer jedoch zwischen einem Vortrag und einer schleppend im Gang kommenden Diskussion einen Blick über die Schulter wirft, erblickt eine sonderbare Erscheinung: einen streng dreinschauenden, älteren Herrn mit schmalem Gesicht, buschigen Brauen über tiefliegenden Augen und lässigem Undercut. Die überlebensgroße Bronzebüste steht in der Ecke des Raumes auf einem niedrigen Holzsockel.
Unübersehbar prangt dort der Name des Dargestellten auf einer Messingplakette: Heinrich Wilhelm Dove, geboren 1803, gestorben 1879.

Ich wäre keine halbausgebildete Akademikerin, wenn mich meine erste Recherche nicht über Wikipedia führen würde: „Heinrich Wilhelm Dove […] war ein deutscher Physiker und Meteorologe.“ Hä? „Dove gilt als Begründer der heutigen Wissenschaft der Meteorologie und Wettervorhersage“. Moment! Bei allem Respekt – meine Wetter App checke ich fast jeden Morgen –, was führt einen Naturwissenschaftler wie Sie, Herr Prof. Dove, in das Kunsthistorische Institut?

Licht in diese trübe Angelegenheit bringt die Kustodin der universitären Kunstsammlung,
Dr. Anna Seidel. Von ihr erfahre ich, dass es sich beim distinguierten Professor nicht um Dove, den Meteorologen, sondern um Richard Hamann, den Kunsthistoriker, handelt. Das passt doch schon besser. Hamann (1879 – 1961) war unter anderem der Begründer des Bildarchivs Foto Marburg und hatte ab 1947 eine Gastprofessur an der Humboldt-Universität inne. Sein Konterfei verewigte 1954 der Bildhauer Fritz Cremer (1906 – 1993).

Die Plakette auf dem Sockel. Foto Eva Dalvai.

Die Plastik begleitet das Institut schon länger und stand bereits im alten Sitz an der Dorotheenstraße, lässt mich Frau Seidel wissen. Institute könnten einzelne Werke für ihre Räumlichkeiten aus der Universitätssammlung ausleihen, was mit den entliehenen Arbeiten im Einzelnen dann geschehe, stünde nicht immer in Einklang mit ihrer ursprünglichen Bestimmung. So kann es schon einmal passieren, dass aus einem Richard Hamann flugs ein Heinrich Dove wird.


Doch nicht nur die Hamann-Büste borgte man sich aus der Kunstsammlung. Links von ihr hängen nebeneinander drei großformatige Graphiken. Zwar würde die dauerhafte Ausstellung von Arbeiten auf Papier unter direkter Sonnenlichteinwirkung so ziemlich jedem Restaurator Magenkrämpfe bereiten, doch uns Studierenden kommt sie gelegen. Immerhin stammen die Arbeiten aus einer der berühmtesten Serien von Romansichten des 18. Jahrhunderts: den ab 1748 erschienenen Vedute di Roma.

Antike Bauten und Monumente der ewigen Stadt: drei Blätter aus Giovanni Battista Piranesis Vedute di Roma im R. 3.16. Foto: Eva Dalvai

Radiert wurden sie von Giovanni Battista Piranesi (1720 – 1778), einem nachhaltig einflussreichen Künstler, Baumeister und Pionier der Archäologie. In seiner Zeit fielen in Rom die beginnende systematische Erfassung und Identifikation antiker Monumente und Bauten mit dem Produktionshöhepunkt druckgraphischer Stadtveduten zusammen. Piranesi war Protagonist dieser Blütezeit. Seine Darstellungen verbinden dramatisches Gestaltungsvermögen und schöpferische Erfindungsgabe mit einem unkonventionellen Zugang zur Vergangenheit und Antike.

Wir können in „Drei-Sechzehn“ gleich drei Beispiele dafür in Augenschein nehmen: den sogenannten Tempio della Salute – eigentlich ein Grabmal an der Via Appia –, den Tempio della Sibille in Tivoli und die frühchristliche Basilika S. Paolo fuori le Mura. Die Blätter illustrieren exemplarisch die Neuerungen Piranesis topographischer Kunst: Gemeinsam ist ihnen das Theatralische. Piranesi inszeniert seine Veduten wie Bühnen, die Lichtregie ist mit den scharfen Hell-Dunkel-Kontrasten geradezu dramatisch.

Alle Blätter im R. 3.16 stammen aus der ersten Auflage, die zwischen 1748 und 1778 erschien.

Am Grabmal und dem Tempel ist zudem besonders die differenzierte Behandlung der radierten Linie zu beobachten: Sie arbeitet mit unterschiedlichen Stärken und vielfältigen Bewegungsmuster, wodurch eine flirrende Atmosphäre erzeugt wird. Die Darstellung der Basilika besticht hingegen durch die kühne, den Bau monumentalisierende Perspektive.

Nicht vom Licht, sondern von leibhaftigen Studierenden ist das letzte Werk in dieser kleinen Revue bedroht. Die großformatige Arbeit direkt neben der Tür hängt so tief zwischen Tisch und Stühlen, dass es einem Wunder gleichkommt, dass zu schwungvoll geschulterte Taschen noch keinen bleibenden Schaden angerichtet haben. Das verwegen platzierte Stück stammt von der Künstlerin und Dozentin Prof. Ruth Tesmar, die von 1993 bis 2015 am Institut das Seminar für künstlerisch-ästhetische Praxis leitete.

Ruth Tesamar: Nuba Luba, 1993, Öl, Holz auf Japanseide, 100 x 77 cm. 
Foto: Eva Dalvai

Die Arbeit entstand 1993 im Rahmen der Serie Bedrohter Mythos und „gehört“, so Frau Tesmar, „in eine Reihe von Wächterfiguren als apotropäische Symbol-Bilder, die ‚Böses’ abwenden sollen“. Die Auffassung des Bildes als Totem schlägt sich auch in der archaisch anmutenden Formensprache nieder. Ihren organischen Charakter erhalten die reduzierten Formen durch den nass in nass Aufbau der Ölfarbe mittels Abrieb hölzerner Druckstöcke.

Am kunstgeschichtlichen Institut der Universität hatte erstmals Wölfflin 1912 die Stelle eines „Universitätszeichenlehrers“ eingerichtet. Nach der Wende belebte man die Idee der Bereicherung von wissenschaftlich-akademischer Ausbildung durch angewandte Kunstpraxis wieder. Im Dachgeschoss des Hauptgebäudes richtete Ruth Tesmar einen Werkstatt- und Unterrichtsraum ein – das sogenannte Menzel Dach –, in dem Studierende zeichnerisches Naturstudium, druckgraphische Verfahren und Buchkunst erproben konnten.
Vor vier Jahren, nach Tesmars Abschied, befand der Fachbereich, dass es keiner Nachfolge bedürfe. Die Professur für künstlerisch-ästhetische Praxis wurde eingestampft, die Druckpressen und der weitere Werkstattbestand eingelagert. Eine der letzten Stellen dieser Art in Deutschland fiel somit weg. Verdammt schade darum.

Drei Werke aus einem Zeitraum von knapp 250 Jahren. In einem kleinen, meist stickigen Raum, in dem Lärm der vorbeiratternden S-Bahn jedes Lüften erschwert. In „Drei-Sechzehn“ sind, wie Frau Seidel zutreffend bemerkte, in der Art einer kompakten Lehrausstellung die Hauptgattungen der klassischen Kunstgeschichte mit originalen Werken vertreten.
Aber was ist denn nun aus dem armen Dove geworden? So ganz ohne Sockel und Namen. Der hält ein Nickerchen im Depot, lässt mich Frau Seidel wissen. Ob ihn wohl das Geographische Institut adoptieren würde? Bei den Kunsthistoriker*innen gäbe es auf jeden Fall, eine passende Plakette abzuholen.

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UPDATE: Im April wurde eine Stelle für die Leitung des Menzel Dachs sowie für die Lehre und Forschung im Bereich künstlerischer Techniken und Praktiken ausgeschrieben. Gesucht wird allerdings nach einer*m wissenschaftlichen Mitarbeiter*in, eine Professur soll demnach nicht eingerichtet werden.

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