Kunst im Wohnzimmer

Das Interview führte Dorothea Douglas

Ende letzten Jahres sorgte Lorenzo Graf in den Kreisen junger Berliner Kunstinteressierter mit der Ausstellungsreihe „Kunst im Wohnzimmer“ für Aufsehen. Was er aus dem Veranstalten herauszog, wie er die Reihe sieht und wann wir die nächste Ausstellung erwarten können, haben wir im Gespräch mit dem Nachwuchs-Kurator nachgefragt.

kunst b Ich dachte wir fangen einfach damit an, dass du sagst wer du bist.

Lorenzo Ich bin Lorenzo Graf. Ich bin in Italien geboren und mit einer Deutschen Mutter aufgewachsen, in einer kleinen Stadt in der Toskana. Ich habe dort ein humanistisches Gymnasium besucht – was sehr veraltet im Angebot war – und bin als Gegenpol dazu zur Gegenwartskunst gekommen und eben auch nach Berlin, wo ich meinen Bachelor in Kunstgeschichte und Literaturwissenschaften begonnen habe.

Lorenzo Graf und ich sitzen in einem Berliner Wohnzimmer und trinken Kaffee. Es ist früher Nachmittag – er nimmt seinen Kaffee italienisch schwarz.

kunst b Was ist Kunst im Wohnzimmer?

Lorenzo Kunst im Wohnzimmer ist eine Serie von Ausstellungen, die in einem privaten Rahmen/einer privaten Wohnung stattfindet – die meistens drei oder vier tägig sind, und die immer begleitet werden von einem Programm an Gesprächen. Jeden Abend gibt es einen Talk mit Gästen oder mit dem Künstler*In selbst, wo auch das Publikum eingeladen ist mitzusprechen.

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Lorenzo Graf im Gespräch mit der Künstlerin Alice Morey inmitten des floorpiece, das sie für die Ausstellung schaffte. Im Hintergrund das Gemälde „What happened to the Dust“.

kunst b Das hört sich ja erstmal ziemlich aufwendig an. Hast du da einen Hintergrund aus dem du teilweise auch die Leute beziehst oder überhaupt diese Idee „ich mach eine Ausstellungsreihe“?

Lorenzo Ich glaube, da gibt es zwei Aspekte: Einmal den Aspekt des Aufwandes und einmal den des Wohnzimmers, die irgendwie verbunden sind. Bevor ich die Serie in Berlin begonnen habe, habe ich eine kleinere Ausstellung in der Toskana gemacht, wo ich halt mit Kultur-Institutionen zu tun hatte und mich auch auf deren Rhythmus einstellen musste. Ich hatte aber Lust, neben meinem Studium in Berlin, Ausstellungen machen zu können, wo ich mich entfalten und künstlerische Diskurse mit Künstler*Innen anfangen könnte. Ich hab mir die Möglichkeiten angeschaut, um flexibel, leger, leicht zu sein, ohne auf die Rhythmen von Institutionen angewiesen zu sein.

kunst b Also ist für dich wichtig, dass du unabhängig bist und dass du selber kuratierst? Würdest du so deine Rolle beschreiben?

Lorenzo Ja.

Also unabhängig ist man nie ganz, erstens wegen der Künstler, zweitens, wie sich dann herausgestellt hat, gibt es auch private Leute, die das Wohnzimmer zur Verfügung stellen, nach denen man sich auch richten muss. Aber es war mir wichtig, dass diese eins-zu-eins Situation mit dem Künstler*In zu Stande kommen könnte.

kunst b Das Wohnzimmer ist für Studierende eigentlich ein komischer Raum, weil es nicht in jeder WG vorhanden ist: Es ist ja eigentlich Luxus. Deswegen würde mich interessieren, wie du auf diese Idee des Wohnzimmers (einer Rarität) gekommen bist?

Lorenzo Ich hatte einfach selbst diese Möglichkeit; diese Rarität ist mit meinem Fall so zustande gekommen.

Das heißt, ich bin vor zwei Jahren in eine Wohnung gezogen, wo es ein Wohnzimmer gab und ich hab als erstes gesagt „Hey lasst uns hier eine Ausstellung machen“, weil eben das Wohnzimmer einen Sonderstatus hat in Studierenden-WGs. Es ist ein Raum, ein extra Raum. Eine Ausstellung hat, nach meiner Sicht, immer mit einer Unsicher-Machung von Raum zu tun. Mit einer Krise und Fragestellung. Das kann nicht in einem Lebensraum wie einem Schlafzimmer oder einer Küche oder einer Toilette passieren, sondern in einem Raum, der für Diskurse und Denken gemacht ist – einem extra Raum.

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Installation von Gustav Kleinschmidt im Wohnzimmer Grafs im Rahmen der ersten Ausstellung.

kunst b Es gab bis jetzt zwei Ausstellungen. Wie ist für dich persönlich das Ausstellungsorganisieren, wirst du Kunst im Wohnzimmer weiterführen?

Lorenzo Als Erstes gibt es meinerseits Interesse für einen Künstler*In, den ich finde. Meistens hat dieses Interesse mit einem Unverständnis zu tun. Das heißt, ich versteh nicht, was der Künstler*In macht, aber es zieht mich an.

Das heißt, die ganze Vorbereitung für die Ausstellung ist eine Art und Weise zu verstehen, was da passiert und zu verstehen, welche Themen überhaupt angesprochen werden, um diese Themen dann zu entfalten – an den Abenden durch die Gespräche mit allen Anwesenden. Es ist eine vis-a-vis Arbeit mit dem Künstler*In und natürlich auch die Arbeit mit dem Gastgeber*In. Also zu koordinieren und zu schauen, was kann überhaupt in den Raum, wie kann man es so machen, dass der Künstler*In seine/ihre Freiheiten hat, aber nicht die des Gastgebers einschränkt. Das hat unheimliche Schwierigkeiten gemacht, weil private Räume halt privat sind, und man schlecht sagen kann: „Nee wir müssen die ganze Nacht arbeiten!“. Man ist auf eine private Person angewiesen.

Bei der letzten Ausstellung haben wir auch den Ort gewechselt und es stellt sich schon die Frage, ob ich mir die Arbeit nochmal machen will – vielleicht im Sommer. Vielleicht gibt es im Sommer nochmal eine Kunst im Wohnzimmer Ausstellung.

kunst b Also es hört sich für mich jetzt so an, dass es hier drei Personen gibt, die die Ausstellung ganz maßgeblich beeinflussen: Der oder die Künstler*In, du als Kurator und der oder die Gastgeber*In – was ich eine sehr interessante Person, als den Dritten im Bunde, empfinde, weil ja bei Institutionen das Kurations-Team quasi mit dem Raum kommt und daher eine ganz andere Beziehung und Vorstellung mitbringt. Ich finde deswegen die Gastgeber-Rolle sehr interessant. Findest du, dass man merkt, wessen Wohnzimmer man da betritt?

Lorenzo Ja, denn man betritt ja nicht nur ein Wohnzimmer.

Es fängt ja schon damit an, dass man in einen Stadtteil fährt – dann die Klingel – das Treppenhaus – der Flur – und dann kommt erst das Wohnzimmer. Je nach Ausstellung kann man dann entscheiden: „Mache ich eine Grenze zwischen dem Ausstellungsraum Wohnzimmer und dem Rest der Wohnung, oder bleibt es porös, offen?“

kunst b Die meisten Museen setzten ja bereits mit der Architektur auf Monumentalität. Und auch der ganze Anreise-Prozess ist völlig anders. Man fährt in die Mitte der Stadt und geht auf ein riesiges Gebäude zu, was bereits mit Eindruck geplant ist. Danach gehe ich durch Eingangshallen und Schließfächer, die ein ganz anderes Verhältnis zu mir haben. Lassen sich hier Parallelen zwischen den beiden Ankommensprozessen aufziehen?

Lorenzo Ich glaube, dass in einem Museum durch Architektur und räumliche Gegebenheiten der Mensch in eine bestimmte Rolle, die des Betrachtenden, gesetzt wird; auch durch Mechanismen der Macht – Was in Off Spaces oft anders ist. Dort hat man eine andere Art und Weise, aber trotzdem wird hier ein Effekt erzeugt: „Du siehst etwas Alternatives, Außergewöhnliches, etwas Besonderes.“ Aber man versteht es gar nicht; nur weil es in einem Off Space gezeigt wird, auch noch einem in Berlin, ist es gut, ist es cool – und es entsteht gar kein Diskurs. Was der interessante Punkt bei KIW ist, ist dass es auch ein Off Space ist, aber in einem privaten Raum. Hier werden Sachen hingestellt, aber sie werden durch den Raum nicht mineralisiert und auch „cool“ aufgeladen – wir sitzen da und fragen uns, was das ist und können drüber sprechen.

kunst b Ich finde es interessant, dass du den „cool“-Faktor ansprichst, der ja auch Leute abschreckt. Wie kannst du das als organisierende Person mit deinem Wunsch, dass Leute kommen bzw. wegen der räumlichen Beschränkung vereinen?

Lorenzo Es ist so, dass man diese Dinge so organisiert, dass es für den Zuschauer ganz fremd ist, weil man auf Kulturmodelle verweist, die er nicht kennt etc. Das heißt, man kann KIW wie das coolste Off Space Event aussehen lassen, aber dadurch entfernt man sich von der Persönlichkeit, die Dramaturgie fängt an. Man muss dann auf abstraktere Kulturvorstellungen verweisen.

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Installationskunst von Gustav Kleinschmidt bei Kunst im Wohnzimmer #1.

kunst b Du hast jetzt relativ oft den Begriff „Off Spaces“ verwendet und ich würde dich gerne fragen, was dieser für dich bedeutet.

Lorenzo Ich weiß es nicht ganz. Beziehungsweise, ich weiß nicht, was er heute bedeutet. Aber ich glaube, er ist sehr mit Berlin verbunden: Ein Ort, der nicht für ein elitäres Niveau gedacht wurde, aber es wird dort trotzdem Kunst gemacht – deswegen ist sie ursprünglicher, näher, authentischer. Aber das gibt es ja nicht seit ein paar Jahren – sondern schon seit einer Weile – und was eigentlich passiert, ist dass dieser Off Space musealisiert und institutionalisiert wurde, so dass die authentisch-schmutzige Ästhetik dessen, jetzt einem abstrakten Modell entsprechen muss und so den Betrachter in eine konkrete Rolle steckt, wodurch Entfernung zwischen ihm und dem Werk entsteht.

kunst b Würdest du sagen, dass sich das Format von Kunst im Wohnzimmer auch andernorts anwenden lässt? Kann man es als neues Ausstellungsformat verstehen und in ein Repertoire mit aufnehmen?

Lorenzo Meine Hoffnung für Kunst im Wohnzimmer ist immer, dass es ein Keim ist. Für Künstler*Innen und Kurator*Innen aber besonders für Diskurse und ihre Sprecher*Innen und ihr Publikum – d.h. ich sehe es nicht als einen nachhaltigen Modus, um Ausstellungen zu machen – ich glaube, es ist wichtig, dass man sich bewusst ist, dass man Student*In ist und jetzt diese Mittel hat und es ist auch gut, dass man es jetzt in diesen Zeiten machen kann, aber eben nur durch diese besonderen Umstände.

kunst b Wir haben jetzt noch nicht darüber geredet was dieses Setup mit den Künstler*Innen macht. Wie ist es denn für die Künstler*Innen diesen Diskussionen zu ihrem Werk persönlich beizuwohnen? Wurde das schon als angreifend empfunden? Die Diskussionen können ja teilweise ziemlich zur Sache gehen.

Lorenzo Ich finde, das ist ein interessanter Punkt, denn es sind ja ausschließlich junge Künstler*Innen bei uns, die noch keine Galerien haben – die gerade den Diskurs um ihr Werk aufbauen. Dieser Rahmen hilft ihnen dabei. Es hilft, jemanden von außen zu haben, der sich mit dem Werk intensiv befasst und dass diese Diskurse in einen persönlichen intimen direkten Rahmen ausgesprochen werden können. Natürlich kann es schnell persönlich werden, das hängt dann vom Künstler*In selbst ab und wie er die Diskurse in Bezug zu seinem Werk sieht.

kunst b Zum Abschluss würde ich noch fragen, was deine Erkenntnisse aus der Erfahrung aus kuratorischer und organisatorischer Hinsicht sind?

Lorenzo Erstens ist ein Ausstellungraum ein Raum, der in eine Krise, in eine Krisensituation, versetzt wird. Und es ist auch richtig, dass diese Krise stattfindet, was sehr gefährlich ist für die Leute, die den Raum täglich betreten.

Aus organisatorischer Sicht: Alles braucht immer ein Drittel mehr Zeit und Geld als man denkt.

Kunst im Wohnzimmer ist ein Projekt des offenen Kollektivs CONFINi.

Die nächste Ausstellung wird wohl im Juni anlaufen. Wer auf dem Laufenden bleiben will, kann das am besten bei Facebook.

Titelbild: Wandskulpturen ‘From the Depths of your Time’ der Künstlerin Alice Morey im Rahmen der zweiten Ausstellung von Kunst im Wohnzimmer.

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