Auf den Spuren der Romantik – der Malerweg in der Sächsischen Schweiz

VON LILIA BECKER

Sich einmal fühlen wie Caspar David Friedrichs Wanderer über dem Nebelmeer? Auf dem 112 km langen Malerweg im Elbsandsteingebirge ist das möglich. Wer diesen läuft erlebt, nicht nur das befreiende Gefühl, das einem die Ruhe der Natur schenkt, sondern wandert gleichzeitig auch auf den Spuren von Künstler:innen der Romantik. Unser Urlaubstipp – nicht nur für Kunsthistoriker:innen.

Ist das schon Feldforschung?
Am Dresdner Hauptbahnhof angekommen geht’s mit der S-Bahn nach Pirna. Der Malerweg beginnt in Pirna-Liebethal – am Eingang des romantischen Liebethaler Grundes. Vorbei am 1933 von Richard Guhr (1873-1956) errichteten Richard-Wagner-Denkmals, steht man nach einigen Kilometern am Felsentor im Uttewalder Grund. Hier finden sich drei ineinander verkeilte Sandsteinfelsen, die ein Felsentor bilden. Der Maler Caspar David Friedrich soll hier 1801 eine Woche die Einsamkeit gesucht und biwakiert haben – so nennt man das Übernachten im Freien. Davon zeugen Skizzen des Malers.

Caspar David Friedrich, Gesteinstudie und Detail einer gotischen Ruine und Felsentor im Utterwalder Grund, Großes Mannheimer Skizzenbuch (1799-1801), Bleistift und schwarze Kreide, quadriert auf Velin, 38 x 47,7 cm, Mannheim, Städtische Kunsthalle (Abb.1)

Als ich mein Nachtlager hinter einem Maisfeld kurz vor dem Nationalpark aufschlage, regnet es. Das nächste Mal im Museum – vor der Felsenlandschaft im Elbsandsteingebirge (1822/23) stehend – höre ich sicherlich noch das Knistern und Knacken des nächtlichen Waldes. Meine Augen werden schwer. Ich denke an Caspar. Was er wohl zu Abend hatte?

Caspar David Friedrich
Felsenlandschaft im Elbsandsteingebirge, 1822/23, Öl auf Leinwand, 91 x 72 cm, Wien, Österreichische Galerie (Abb. 2)

Shinrin Yoku trifft auf Powerriegel im Kuhstall
Die japanische Bezeichnung Shinrin Yoku beschreibt das Eintauchen in die Atmosphäre des Waldes – Waldbaden quasi. Dieses, so sagt man, senke den Blutdruck und reduziere Stresshormone. Im Waldinneren herrscht bekanntlich immer ein besonderes Klima – auch im Sommer eine angenehme Kühle und hohe Luftfeuchtigkeit. Und nebenbei produzieren Bäume, besonders Nadelbäume, eine Menge ätherischer Öle. Fast betörend dieser Duft. Wir können also davon ausgehen, dass die Maler:innen der Romantik trotz schwerer Beine tiefenentspannt durch das heutige Naturschutzgebiet gewandert sind. Der Nationalpark der Sächsischen Schweiz hat übrigens eine Fläche von 93.5 km². 

Blick über den Nationalpark Sächsische Schweiz (Abb. 3)

Nicht nur gigantische Felsformationen lassen mich Demut fühlen, sondern auch die von Menschenhand errichteten Festungsanlagen imponieren. Die in den Diensten der sächsischen Könige stehenden Hofmaler Johann Alexander Thiele (1685-1752) und Bernardo Bellotto (1721-1780) hielten in ihren Landschaftsgemälden und Veduten Festungen wie Königsstein und Sonnenstein fest.

Und ich halte mich während meiner Wanderung an meinem Powerriegel fest; lasse meinen Blick ins Elbtal schweifen und denke mir: oh yeah! So – na gut – so ähnlich schauten schon die Romantiker:innen ins Tal.
Diese hielten Stift und Papier in der Hand und ich einen Riegel – der verspricht eine ganze Mahlzeit zu ersetzen. Und sollte auch der Powerriegel müden Beinen nicht helfen…

Adrian Zingg (zugeschrieben),
Anton Graff und Carl Anton als Zeichner in der Landschaft, um 1791, Federzeichnung,
Zürich, Kunsthaus (Abb. 6)

Ich kenne da eine Abkürzung: der kleinste Straßenbahnbetrieb Deutschlands verkehrt seit 1898 von Bad Schandau ‚Kurpark‘ bis zum ‚Lichtenhainer Wasserfall‘. So kommt auch der letzte Touri oder Kurgast in die Hintere Sächsische Schweiz. Diese Bahn ist benannt nach dem Tal in dem sie fährt: Kirnitzschtalbahn. Vom Lichtenhainer Wasserfall ließen sich früher die besonders reichen und müden Gäste in einer Trage oder auf Maultieren zum Kuhstall hinauftragen.

Adrian Zingg, Der Kuhstall bei Schandau in der Sächsischen Schweiz, Umrissradierung (Abb. 7)

Ja richtig gelesen – Kuhstall! Der Kuhstall ist eine Schichtfugenhöhle. Sandstein ist horizontal, wie auch vertikal gegliedert, wenn er sozusagen in einer Masse auftaucht. Die horizontalen Schichten sind in großen Teilen Sand. Ab und an sind diese Sandschichten auch mit Lehm und Ton gemischt. Diese sind dann wasserundurchlässig und werden Schichtfugen genannt. Schichtfugen können eine Dicke von wenige Millimetern bis zu mehreren Metern aufweisen. Man stelle sich nun eine Menge Wasser vor und wie dieses den Sand zwischen den Schichtfugen wegspült. Nach diesem Bade bleibt ein halbrundförmiger Hohlraum: Die Schichtfugenhöhle.

Mit anderen Worten: KünstlerInnen wie Johann Carl August Richter (1758-1853) oder Adrian Zingg (1734-1816) haben eine Schichtfugenhöhle gemalt. Oder eben eine Schichtfugenhöhle namens Kuhstall. Man vermutet, dass der Name Kuhstall auf den Dreißigjährigen Krieg zurückgeht. Die Bauern sollen hier ihr Vieh versteckt haben. Nennt es wie ihr wollt: es ist gigantisch. Auf dem Felsen sieht man noch heute Stellen an denen früher Gedenktafeln eingelassen waren. Auch erinnern immer wieder Steinsäulen mit Wegweisungen an die Historie des Malerweges .

Ein Teil der Route knüpft an den historischen Fremdenweg an. Dieser war von circa 1750 bis 1851 der touristische Haupterschließungsweg des Gebirges. Durch die Einführung von Bahn und Dampfschifffahrt ist er in Vergessenheit geraten. Seit 2007 nun erlebt der Fremdenweg unter dem Namen Malerweg eine Renaissance.

Tipp: 112 km sind dir zu lang? Es gibt auch einen Caspar-David-Friedrich-Weg, der sich zum Teil mit dem Malerweg deckt. Diesen abzulaufen dauert circa vier Stunden. Vielleicht was für die Vorlesungsfreie Zeit?

Zu diesem Beitrag gibt’s es eine Hörversion. Zu hören ist nicht nur der Sound des Waldes, sondern auch ein Ur-Sachse, der mit seinem 92-Jahre alten Vater regelmäßig Ruhe im Nationalpark sucht.

Notiz:
Richard Guhr war ein großer Verehrer Wagners und veröffentlichte antisemitische Schriften, die von den Nationalsozialisten aufgegriffen wurden. Es würde den gewünschten Rahmen des Artikels sprengen, auf die Nähe Guhrs zum Nationalsozialismus einzugehen. Jedoch möchten wir als Redaktion diesen Namen nicht unkommentiert stehen lassen.


Abbildungsnachweise:
Titelbild „Caspar David Friedrich, Wanderer über dem Nebelmeer, um 1818, Öl auf Leinwand, 95 cm x 75 cm, Hamburg, Kunsthalle„: Die Erfindung der Romantik, Essen – Hamburg 2006, S. 266.
Abb. 1: Gaßner, Hubertus [Hrsg.]: Caspar David Friedrich, Die Erfindung der Romantik. Museum Folkwang Essen [5. Mai bis 20. August 2006] ; Hamburger Kunsthalle [7. Oktober 2006 bis 28. Januar 2007]. München 2006. S. 244.
Abb. 2: Thomas Kellein: Walter de Maria (Ausstellungskatalog: Stuttgart, Staatsgalerie, 1987 – 1998), Stuttgart 1987, Abb. 98.; Bildrecht (Foto): Wien, Österreichische Galerie (I), Archiv des Instituts für Kunstgeschichte der LMU München.
Abb. 3: Lilia Becker, 2020.
Abb. 4: Archiv des Instituts für Kunstgeschichte der LMU München.
Abb. 5: Schumacher, Andreas (Hg.): Canaletto – Bernardo Bellotto malt Europa, München 2014, S. 241.
Abb. 6: Diathek online, Technische Universität Dresden, Institut für Kunstgeschichte, Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden
Abb. 7: Diathek online, Technische Universität Dresden, Institut für Kunstgeschichte, Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden.
Abb. 8: Lilia Becker, 2020.
Abb. 9: Lilia Becker, 2020.

2 Kommentare zu „Auf den Spuren der Romantik – der Malerweg in der Sächsischen Schweiz

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