Paris – Kunst entdecken abseits des Louvre

VON SONTJE LIEBNER

Alljährlich pilgern überwältigende Menschenmassen in das Kunstmekka Paris. Im Herzen der französischen Hauptstadt begeistert der Louvre mit seiner einzigartigen Kunstsammlung, das Musée d’Orsay lockt in ein ehemaliges Bahnhofsgebäude und im Musée de l’Orangerie verweilen Besucher*innen andächtig vor Monets Seerosen. Doch Paris hat noch viel mehr zu bieten: Kunst abseits des Mainstreams. In meinem Erasmussemester an der Panthéon-Sorbonne durfte ich nicht nur reichlich auswendig lernen, sondern auch regelmäßig die Pariser Museenlandschaft erkunden. Egal ob ihr bald einen Städtetrip plant, euch ein längerer Auslandsaufenthalt bevorsteht oder ihr nur von der romantischen Stadt an der Seine träumen möchtet: Hier kommen meine geheimen Kunsttipps für Paris!

Zeitgenössische Kunst und beeindruckende Architektur
Wer bereits viel Zeit in den größten Pariser Museen verbracht hat und sich zwischen den Alten Meister*innen etwas Abwechslung wünscht, wird bei den folgenden Tipps sicher fündig. Denn Paris bietet großartige Museen mit zeitgenössischer Kunst.

Foto: Jean-Pierre Dalbéra, https://www.flickr.com/photos/dalbera/47736873931, Zugriff: 19.12.2019.

Palais de Tokyo
Mein persönliches Highlight bietet alles, was ich mir von einem Museum für zeitgenössische Kunst wünsche. Das neoklassizistische Gebäude besticht von außen mit monumentaler Architektur, die sich nahtlos in das Pariser Stadtbild einfügt. Das Museum wurde ursprünglich unter dem Namen „Palais des Musées d’art moderne” eröffnet, anlässlich der Pariser Weltausstellung 1937. Woher der Name des Museums, der den Standort wohl kaum in der französischen Hauptstadt vermuten lässt? Namensgebend war die damals zwischen dem Gebäude und der Seine verlaufende Avenue de Tokio.

Im Inneren des Palais de Tokyo erwarten Besucher*innen Beton-Ästhetik, freiliegende Kabel und lichtdurchflutete Räume. Daneben überzeugen selbstverständlich auch die Ausstellungen. So gestaltete Tomás Saraceno 2018 riesige Ausstellungssäle des Kunstpalastes, unter anderem mit seinen berühmten Spinnennetzen – die in diesem Fall mit lebendigen Spinnentieren bei den Besucher*innen für ein Schaudern sorgten.

Eintritt € 12/9 | Di–So: 12–24 Uhr | 13 Avenue du Président Wilson, 75116 Paris

Foto: Mahkeo, https://unsplash.com/photos/gD_tsgeklLY, Zugriff: 19.12.2019.

Fondation Louis Vuitton
Futuristischer sieht es in diesem etwas abseits gelegenen Privatmuseum aus. Der gigantische Glasbau verspricht nicht nur Ausstellungen, die Besuchermassen locken, sondern auch mehrere Terrassen mit Blick über die Stadt. In dem gigantischen Glasschiff am Rande des Jardin d’Acclimatation findet ihr vornehmlich Werke des 20. Jahrhunderts, unter anderem von Isa Genzken, Jean-Michel Basquiat und Olafur Eliasson. Zwar handelt es sich bei der Stiftung Louis Vuitton schon lange um keinen Geheimtipp mehr, doch steht das Museum immer noch im Schatten der zentraler gelegenen Ausstellungshäuser an der Seine.

Eintritt € 16/10 | Mo, Mi, Do: 11–20 Uhr | Fr: 11–21 Uhr | Sa, So: 10–20 Uhr | 8 Avenue du Mahatma Gandhi, 75116 Paris

Foto: Jean-Pierre Dalbéra, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:La_Fondation_Cartier_pour_l%27art_contemporain_(15907035710).jpg, Zugriff: 19.12.2019.

Fondation Cartier
Die Fondation Cartier ist ein weiteres Highlight, das nicht nur interessante Kunst, sondern auch eine einzigartige Architektur bietet. Der Glasbau des Architekten Jean Nouvel aus dem Jahr 1994 verbindet Natur und Moderne: Die nahe stehenden Bäume scheinen die gläsernen Wände durch ihre Spiegelung geradezu zu verschlingen, während sich auch im Inneren immer wieder grüne Oasen finden und eine faszinierende architektonische Symbiose bilden. Die Fondation Cartier pour l’Art Contemporain bietet Ausstellungs- und Kreativräume für internationale Künstler*innen und befindet sich im Stadtteil Montparnasse.

Eintritt € 10,50/7 | Di–So: 11–20 Uhr | Di: Late Night Closing 22 Uhr | 261 Boulevard Raspail, 75014 Paris

Romantische Kunst-Oasen
Ihr habt genug von der erschlagenden Größe vieler Pariser Museen? Dann habe ich zwei kleinere Schätze für euch, die den Großstadttrubel für kurze Zeit vergessen lassen.

Foto: Jean-Pierre Dalbéra, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Latelier_dAntoine_Bourdelle_(Mus%C3%A9e_Bourdelle,_Paris)_(4161461004).jpg, Zugriff: 19.12.2019.

Musée Bourdelle
In dem ehemaligen Atelier findet ihr eine kleine, aber feine Auswahl von Skulpturen und mehr des Künstlers Antoine Bourdelle (1861–1929). Der idyllische Garten und die atmosphärisch gestalteten Ausstellungsräume stehen repräsentativ für dessen Schaffensphase von 1885 bis 1929. Heute umfasst das Musée Bourdelle mehr als 500 Werke, darunter Marmor-, Gips- und Bronzewerke, Gemälde, Freskenskizzen und Bourdelles persönliche Sammlung von Künstlern wie Eugène Delacroix, Jean Auguste Dominique Ingres und Auguste Rodin.

Permanente Ausstellung: Eintritt frei | Di–So: 10–18 Uhr | 16/18 Rue Antoine Bourdelle, 75015 Paris

Foto: Myrabella, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Musee_Vie_romantique.jpg, Zugriff 19.12.2019.

Musée de la Vie Romantique
Das ehemalige Künstlerhaus mit den grünen Fensterläden widmet sich Kunst und Literatur der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Mitten im 9. Arrondissement könnt ihr durch das alte Gebäude schlendern, in dem einst der Maler Ary Scheffer (1795–1858) wohnte, und unter anderem Schmuck, Möbel und Porträts aus dem Besitz der Schriftstellerin George Sand (1804–1876) bewundern. Mein Highlight: der Garten mit einem süßen Café, das sich in einem malerischen Gewächshaus befindet. Gerade im Sommer lässt sich hier wunderbar die Zeit vergessen. Der Eintritt zum Musée de la Vie Romantique ist meist frei, zum Teil werden für temporäre Ausstellungen geringe Eintrittspreise erhoben.

Permanente Ausstellung: Eintritt frei | Di–So: 10–18 Uhr | 16 Rue Chaptal, 75009 Paris

Foto: Rog01, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Nuit_Blanche_Paris_2011_-_Montmartre_2.jpg, Zugriff: 19.12.2019.

La Nuit Blanche
Einmal im Jahr, am ersten Samstag im Oktober, findet in Paris die „schlaflose Nacht“ statt. In der ganzen Stadt finden sich Künstler*innen zusammen und laden zum Entdecken verschiedener Orte ein. La Nuit Blanche verbindet mit Anbruch der Nacht Kunstinstallationen, Ausstellungen, Konzerte, Performances und mehr. Neben Highlights der zeitgenössischen Kunst öffnen viele Veranstaltungsorte (die Besucher*innen zum Teil normalerweise verschlossen bleiben) kostenlos ihre Pforten. Der Siegeszug der Veranstaltung begann 2002 und hat mittlerweile Ableger in vielen weiteren französischen sowie europäischen Städten gefunden. Ich persönlich war sehr beeindruckt von diesem besonderen Event, bei dem ihr euch einfach treiben lassen könnt – und so ganz sicher die eine oder andere versteckte Attraktion entdecken werdet.

Eintritt frei | am 1. Samstag im Oktober | in ganz Paris

Künstler*innen bei der Arbeit über die Schulter schauen
Mein nächster Geheimtipp erwartet euch dort, wo es wohl die wenigsten erwarten werden: inmitten der Prachtstraße Rue de Rivoli. Gegenüber H&M und McDonalds gelegen, sticht das Haus schon mit seiner kunstvoll gestalteten Fassade hervor. Hereinspaziert!

Foto: Halanna Halila, https://unsplash.com/photos/_8m1CXvu2Yg, Zugriff: 19.12.2019.

59 RIVOLI
Das Künstler*innenhaus 59 RIVOLI ist faszinierend und hebt sich von den großen Pariser Museen als chaotisch anmutender kreativer Freiraum ab. Über mehrere Etagen hinweg beherbergt das Gebäude 30 kleine Ateliers, in denen Künstler*innen arbeiten und zugleich ausstellen. Der Eintritt ist frei und Neugierige begegnen Raum für Raum ganz unterschiedlichen Werken, die sich zum Teil bis zur Decke auftürmen. Wer von einem der Kunstwerke besonders begeistert ist, kommt schnell mit den anwesenden Kunstschaffenden ins Gespräch und kann die Objekte zum Teil direkt erwerben. Samstags und sonntags finden außerdem kleine Konzerte statt.

Eintritt frei | Di–So: 13–20 Uhr | 59 Rue de Rivoli, 75001 Paris

Galerien entdecken (und Champagner schlürfen?)
Einige Berliner Galerien haben ihren elitären Ruf bereits verloren. Und so stehen auch in Paris diverse Galerien Kunstinteressierten stets offen. Versteckte Juwelen der Galerienlandschaft entdeckt ihr nicht unbedingt durch Zufall, daher habe ich zwei besonders sehenswerte Ausstellungsräume rausgepickt. Mit etwas Geduld werdet ihr gerade im Marais sicherlich auch auf die eine oder andere Galerie stoßen.

Lafayette Anticipations
Beginnen oder enden könnt ihr euren Spaziergang durch den Stadtteil Le Marais mit dem Lafayette Anticipations. Besonders empfehlenswert ist dieser Tipp, wenn ihr einigermaßen Französisch beherrscht. Denn hier finden neben Ausstellungen auch spannende Gesprächsrunden mit Schauspieler*innen und Musiker*innen zu aktuellen Themen statt. Anschließend könnt ihr im kleinen Café einen Espresso schlürfen und euch mit einem Croissant stärken.

Eintritt frei | Mo, Mi, Sa, So: 11–19 Uhr | Do, Fr: 11–21 Uhr | 9 Rue du Plâtre, 75004 Paris

LE BAL
Die kleine Galerie nahe dem Place de Clichy widmet sich zeitgenössischen Bildern in all ihren Formen, wie Fotografie, Video und Neue Medien. Das BAL ist jung und sympathisch, lädt zum Dialog ein und möchte nicht nur ausstellen, sondern Annäherungen und Diskussionen fördern. Als unabhängige Plattform versteht sich LE BAL als Ausstellungsraum, der Interessierten auch verschiedene pädagogische Formate bietet. Im zugehörigen Buchladen und Café lässt es sich herrlich verweilen und stöbern.

Eintritt € 7/5 | Mi: 12–22 Uhr | Do–So: 12–19 Uhr | 6 Impasse de la Défense, 75018 Paris

Titelbild: Alicia Steels, https://unsplash.com/photos/PA2rnR4pF9A, Zugriff: 19.12.2019.

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