Renaissance trifft auf Virgil Abloh

VON WANDA PÖSSELT


Die Mona Lisa gesellte sich diesen November in Form einer Wandlampe mit integriertem USB-Slot zu BILLY Regal und KLIPPAN Sofa. Sie gehört jetzt offiziell zur MARKERAD Kollektion, welche in Zusammenarbeit zwischen IKEA und einem der begehrtesten Designer der Welt entstand – Virgil Abloh. Insgesamt 15 Objekte designte Abloh für den schwedischen Möbelgiganten – ob dies nun ein Lächeln oder ein Kopfschütteln hervorruft, man kommt nicht umher sich zu fragen: Ist es das, was da Vinci gewollt hätte, oder ist es das, was wir verdienen?

Seit Jahren fordert man eine Demokratisierung des Kunstmarktes und seit Jahren bleibt dieser exklusiv und intransparent. Auf viele dürfte er mittlerweile fast wie eine Art weltentrückter Kult wirken. Um den Markt nun irgendwie aus seiner Starre zu befreien ist es wichtig, dass sich mehr Menschen in ihn einbringen können und wollen. Aus diesem Grund hat es sich Abloh zum Ziel gemacht, vor allem Millennials den Zugang zu Design und Kunst zu ermöglichen. Die Strähne des Erfolgs scheint bei diesem Vorhaben seit Jahren nicht abreißen zu wollen: Bereits im April 2019 konnten seine Fans in diversen IKEA Filialen auf den Erwerb einer seiner limitierten „Keep-Off“-Teppiche hoffen. Aufgrund der zu hohen Nachfrage mussten sie sich allerdings vorab für ein Losverfahren anmelden, bei dem dann lediglich die Kaufoption gewonnen werden konnte. Der Teppich kostete 299,00 Euro, bei Ebay und Co. schossen die Preise anschließend in astronomische Höhen.

Und tatsächlich erscheint der Designer mit unstillbarem Schaffensdrang als Multitalent: Nach einem erfolgreichen Studium der Architektur und der Ingenieurwissenschaften widmete er sich schließlich der Mode, wurde DJ und Unternehmer. 2014 gründete er das Label „Off-White“, welches urbane Streetwear- Ästhetik auf die Pariser Laufstege katapultierte. Genau hier, in der Modeindustrie, ist die Kommerzialisierung eines Originals längst an der Tagesordnung: „Fast Fashion“ macht Trends schnell und billig für die große Masse verfügbar. Giganten wie H&M machen dabei gar keinen Hehl aus der Kopie – schnell wird aus dem bekannten Logo „Thrasher“ ein „Trippin“, kopierte Flammenschrift inklusive. Eine ähnliche Vermischung von Kunst und Massenware scheint sich nun mithilfe des Leuchtkastens zu vollziehen. Zwar könnte der Lampe zugutegehalten werden, dass mögliche Schwellenangst abgebaut wird, indem man Käufer*innen überhaupt erst einmal die Möglichkeit gibt, in Berührung mit Kunst zu kommen. Denn ganz sicher trauen sich mehr Leute einen IKEA zu betreten, als eine Galerie mit sterilem Lichteinfall und Hornbrille tragendem Galeristen, der einsam vor dem iMac sitzt. Aber wird dem*r gemeinen design-interessierten IKEA Besucher*in nicht trotzdem von milliardenschweren Instanzen diktiert, was genau sie kaufen können und welche Werke weiterhin in privaten Sammlungen verstauben?

Mona Lisa Wandlampe by Virgil Abloh
FOTO: Inter IKEA Systems B.V. 2019
Mona Lisa Wandlampe by Virgil Abloh
FOTO: Inter IKEA Systems B.V. 2019


Trotz beinahe reflexartiger Skepsis lässt die LED-Mona Lisa  für 69,99 Euro dennoch den nötigen Raum, um ihr versöhnlich gegenüber stehen zu können. Dass es vorantreibender wäre, komplett frischen Wind in den Markt zu pusten, anstatt alte Meister von einem Riesen-Unternehmen wie IKEA in streng limitierter Auflage verkaufen zu lassen, ist schließlich klar. Dass die Lampe das Original nicht ersetzen kann, ist ebenfalls logisch. Muss sie aber auch nicht. Wer weiß, wenn die Kollektion kein Einzelfall bleibt könnte sie weitere Designer*innen dazu inspirieren, Kunstwerke zu vervielfachen. So würde den Werken ein neuer Wert als Designobjekt zugeschrieben werden, was eventuell ein kleiner Schritt in Richtung Öffnung des Marktes wäre. Die Lampe weist humorvoll auf eine Thematik hin, welche jedem*r Kunstinteressierten bekannt ist, und spielt mit der Idee ihrer allgemeinen Zugänglichkeit. Betrachtet man ihre Geschichte, liegt tatsächlich ein gewisser Witz in ebenjenem öffentlichen Zugang und darin, dass sich ab jetzt jeder*e eine eigene Mona Lisa mit nach Hause nehmen kann: 1911 wurde das Gemälde von einem italienischen Glaser gestohlen, der zu jener Zeit im Louvre tätig war. Dieser sah sich dazu berufen, das Gemälde zurück nach Italien zu bringen, also an den Ort, an dem es Anfang des 16. Jahrhunderts gemalt worden war. Er ließ sich über Nacht unbemerkt im Museum einsperren, löste das Gemälde aus seinem Rahmen und schmuggelte es am nächsten Tag unter seinem Kittel hinaus. Zwei Jahre lang trauerte Paris um das Meisterwerk, sogar Gedenkgottesdienste wurden abgehalten. 1913 konnte der Dieb schließlich von der Polizei gestellt – und das Gemälde zurück in den Louvre gebracht werden. Spätestens durch diesen Skandal wurde „La Joconde“, so ihr französischer Name, weltberühmt.

Virgil Abloh selber sagt über seine neue Kollektion: „There’s always an underlying message in my creations. A little bit of irony – and a human connection.” und mit einem kleinen Augenzwinkern ist in der Kunst ja schon so einiges verziehen worden.

Titelbild: Inter IKEA Systems B.V. 2019

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