Kunstgeschichte studieren: Eine Quantifizierung

VON IMKE KAPPERNAGEL

Ich sitze in der Philologischen Bibliothek in Dahlem. Ein Tropfen, zwei Tropfen, drei Tropfen. Wasser kommt wie immer in kleinen Portionen von der Decke. Circa 4,5 Meter neben mir steht jemand auf, um den fast überlaufenden 10-Liter-Plastikeimer zum Auffangen des Wassers auszuwechseln. Nach vier Minuten kehrt er zurück und ich versuche, nicht noch weiter aus Gründen der Prokrastination alles um mich herum zu zählen. Meine Hausarbeit ist doch weitaus wichtiger als die Tatsache, dass mir gegenüber nur fünf der zwölf Arbeitsplätze belegt sind.

„Auf die Masse soll und muss jeder Dichter wirken, mit der Masse nie.“ – Franz Grillparzer

Dann öffne ich unbewusst einen Ordner auf meinem Desktop, den ich irgendwann mal “Uni” genannt und dann nie wieder beachtet habe. Das mit dem Zählen lässt mich nicht mehr los. Referate, Hausarbeiten. Insgesamt komme ich mit einer von mir erstellten Formel

{((Anzahl der Seminare x Anzahl der Semester) + Bachelorarbeit) – Anzahl
der zur Platzgewinnung eingefügten unnötigen Absätze = Gesamte Seitenzahl}

auf ungefähr 1.043 Seiten. Das sind 22 Seiten mehr als das längste Harry Potter Buch,
Harry Potter und der Orden des Phönix mit nur 1.021 Seiten. Und diese 1.429.400 Zeichen oder 306.300 Wörter liegen nun auf meiner Festplatte und verbrauchen gerade einmal 689 MB.

Aktuell arbeite ich eigentlich an 20 weiteren Seiten zu einem Thema, das für diese quantitative Erzählung komplett irrelevant ist. Bei der Besprechung meiner Fragestellung habe ich mir noch eingeredet, es sei mein Beitrag zur Kunstgeschichte des 17. Jahrhunderts.
Oder des 16. Jahrhunderts. Und, dass es mir ja sowieso auch total wichtig wäre, zu einer diskursiven und nicht enzyklopädischen Kunstgeschichte beizutragen. So sicher bin ich mir da gerade nicht mehr. Wenn meine Berechnungen stimmen, wird das weitere 28.000 Zeichen erzeugen – oder auch 6.000 zusätzliche Wörter.

„Zahlenmäßige Stärke ist der höchste Trumpf der Ängstlichen.“ – Mahatma Gandhi

Ich begebe mich in eine kunsthistorische Krise. Wer wird mein Produkt lesen? Mir steigen die Zahlen zu Kopf. Wenn 1.021 Seiten Harry Potter sich in der ersten Stunde rund 13 Mal in der Sekunde verkauft haben und manche meiner Texte mittlerweile nicht mal mehr mich selbst interessieren, wo liegt dann der Fehler? Ich packe meine Sachen und verlasse diese Vorhölle des Mathematikstudiums.

Ich brauche 30 Minuten nach Hause. Und versichere mir innerlich während der gesamten Rückreise nach Berlin, dass es okay ist, dass niemand alle diese Seiten jemals gelesen hat. Zumindest niemand, der oder die nicht dafür bezahlt wurde. Und dass wahrscheinlich Viele derer, die dafür bezahlt wurden, den Mittelteil auch eher überflogen haben. 1.429.400 Zeichen wabern im Nichts – 1.429.400 Zeichen sind 5,5 Jahre meines Lebens.

Ich muss an Marina Abramović denken. Die alte, gebotoxte Millionärin – 10 Millionen sollen es genau sein – ließ, als sie noch für zeitgenössische Performende interessant war, Gefolgsleute Reiskörner und Linsen auseinandersortieren und zählen. Über Stunden. Diese Zeichen sind meine Reiskörner und meine Performance dauert bisher besagte 5, 5 Jahre.

„Mathematik ist das Alphabet, mit dessen Hilfe Gott das Universum beschrieben hat.“ – Galileo Galilei

Jedes Mal, wenn jemand fragt, was man mit Kunstgeschichte eigentlich macht, halte ich eine mal mehr, mal weniger flammende Rede über die Möglichkeiten, über meine Vorstellung von Berufsperspektiven und Horizonten. Mehr als eine Million Zeichen schreiben und nicht verstehen, warum niemand meine vielen Zeichen liest. Und ich komme mir prätentiös vor. Weil die Bücher, die ich für die 1.429.400 Zeichen brauche, mit Amazon Prime zu mir am gleichen Tag in den vierten Stock geliefert werden und der vielleicht 22-jährige Lieferant 3,5 Stufen vor dem Absatz fällt – wahrscheinlich, weil er bei seinen 12 vorherigen Stationen, die ich alle per GPS verfolgen konnte, bereits um die 500 Höhenmeter erklimmen musste.

„In nichts zeigt sich der Mangel an mathematischer Bildung mehr als in einer übertrieben
genauen Rechnung.“ – Carl Friedrich Gauß

Keine Auflösung. Kein Aufruf dafür, mehr eigene Texte auf studentischen Plattformen zugänglich zu machen oder nach relevanten Themen zu suchen. Diesmal sollten wir uns einfach nur alle einen Augenblick daran erinnern, wie dankbar wir für die 1.429.400 Zeichen Selbstverwirklichung sein dürfen. Schließlich ist ja auch bald Weihnachten.

P.s.: Dieser Text hat übrigens 4.728 Zeichen.

5 Kommentare zu „Kunstgeschichte studieren: Eine Quantifizierung

  1. Genau deshalb habe ich mein Kunstgeschichtsstudium nach fünf Jahren abgebrochen – gar nicht wegen der vielen Zeichen, die keine Sau interessieren, sondern wegen der Mühe, die damit verbunden ist, ich konnte mich einfach nicht dazu überwinden. Das Reis- und Linsenzählen der Abramovic soll ja der Entspannung dienen, das ist natürlich eine ganz andere Zielrichtung als die anstrengende Verfertigung von wissenschaftlichen Texten. Man kann Reis und Linsen übrigens auch einfach kochen, essen und dann nur so dasitzen und dösen – sehr angenehm, und man wird noch satt dabei.
    Abramovic gebotoxt, hast Du vielleicht eine verbindliche Quelle dafür? Gut, man braucht sie ja bloß anzuschauen … Ich will demnächst mal einen Eintrag über sie schreiben, ich war nämlich im letzten Jahr in der Retrospektive in Bonn, und da wäre es natürlich besser, wenn ich genau belegen könnte, was ich da behaupte. 10 Mio. überrascht mich auch, sie stellt sich ja tendenziell eher immer als arm wie eine Kirchenmaus dar, die erst ein bißchen verdient, seit sie die 60 überschitten hat. Hast Du dafür einen Beleg?

    PS: Unterhaltsamer Text, übrigens.;-)

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    1. Hallo!

      Danke, dass du meinen Text gelesen hast.
      Zu deinen Fragen:

      1. Ich habe das mit dem Botox nochmal recherchiert und sie verwendet wohl doch Laser-Therapie und keine Nadeln (https://www.thecut.com/2013/06/marina-abramovic-loves-face-lasers-james-franco.html). My bad! 😀

      2. Was ihre Meinung zu ihrem eigenen Finanzstatus angeht, würde ich dir widersprechen. Die Zahlen habe ich von der wenig fundierten Berechnung einer Promi-Seite (https://www.google.de/amp/s/www.celebritynetworth.com/richest-celebrities/actors/marina-abramovic-net-worth/%3famp=1) und halte Sie auf Grund von vor allem ihrem Immobilienvermögen (https://www.google.de/amp/s/m.huffpost.com/us/entry/1609373/amp) für ganz realistisch. Ich erinnere mich auch an Auszüge ihrer Biografie, in denen es um ein gutes, millionenschweres Immobiliengeschäft in Amsterdam ging und um einen Streit mit Ulay die Einnahmen aus dem Verkauf des Privatarchivs betreffend!

      Melde dich gerne, wenn aus dem Artikel etwas wird.
      Alles Liebe!
      Imke

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      1. Danke für die Quellen!
        Was ihr Vermögen betrifft, bezog ich mich auf eine Aussage in einer Doku, die man immer noch in der Arte-Mediathek sehen kann:
        https://www.arte.tv/de/videos/088010-000-A/marina-abramovic-die-kunst-des-hoerens/
        Da sagt sie bei ca. 35:45: „Von meiner Kunst leben kann ich erst, seit ich 60 bin.“ Es fällt mir auch schwer, das zu glauben. Wenn ich mich recht erinnere, erzählt sie am Ende ihrer Autobiografie von der Klage, die Ulay gegen sie angestrengt hat, ganz im Ton eines Opfers. Wie sich später, nach der Veröffentlichung, herausgestellt hat, bekam Ulay vor Gericht Recht und 300.000 Euro zugesprochen, plus weiterer Vorteile. Mir scheint, die Dame nimmt es nicht immer so ganz genau mit der Wahrheit. 10 Mio., ich halte es nicht für ausgeschlossen, besonders auch angesichts der 3,2 Mio für ihr Loft (danke nochmal für den Link), aber die Höhe überrascht mich doch.

        Neulich habe ich schon mal was geschrieben über Abramovic, schau hier:
        https://koelnfotos.com/2019/11/12/wandern-auf-dem-salzalpensteig-10-ausflug-nach-salzburg-1/

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      2. Hallo,
        ich habe gestern einen weiteren Kommentar geschrieben, der aber von euch erst freigeschaltet werden muß, vermutlich, weil er zwei Links enthält. Aus Erfahrung weiß ich, daß man sowas leicht übersieht, daher dieser HInweis – ich will mich bestimmt nicht aufdrängen.:-)
        Viele Grüße aus Köln!

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  2. Kernbereiche Ihres Studiums sind sowohl die Architektur als auch die Bildenden Kunste. Dabei lernen Sie am Kunsthistorischen Institut in Kiel (KHI) die Geschichte der europaischen Kunst (sowie die mit Europa verknupften Kunstrichtungen anderer Kontinente) in der ganzen Breite des Faches von der Spatantike bis heute und mit einer breiten Palette methodischer Zugange kennen. Die Kunstgeschichte ist zudem ein Fach, dessen Untersuchungsfeld stetig wachst: Nicht zuletzt durch immer mehr technische Moglichkeiten fur kunstlerische Ausdrucksformen erweitert sich der Kunstbegriff und mit ihm der Bereich, fur den die Kunstgeschichte als wissenschaftliche Disziplin zustandig ist. Entlang dieser neuesten Entwicklungen orientiert sich auch Ihr Studium.

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