Du bist frei, also wähle!

VON LILIA BECKER

Von „girls only“ über „Herrensauna“. Selektion ist Alltag. Selektion scheint unumgänglich. Wir entscheiden und andere entscheiden für uns. Doch wie frei sind wir in unserer Auswahl? Das Festival unselect der Kleinen Humboldt Galerie beschäftigt sich zum 10-jährigen Jubiläum zehn Tage lang mit dem Thema der Selektion.

Unsere Person ist nicht auf eine Identität zu reduzieren. Die Entscheidung, was wir von wem und in welcher Situation preisgeben, kann bewusst oder unbewusst erfolgen. Welche unserer Entscheidungen ist auf „natürliche Auswahlmechanismen“ zurückzuführen und wie viel unseres Lebens ist „kulturellen Selektionsmustern“ unterworfen? Mit diesen Fragen beschäftigt sich das Festival „unselect“ der Kleinen Humboldt Galerie (KHG). Ich habe mich mit Polina Kokotov, Teil des 22-köpfigen Kurator*innen-Teams, und mit zwei der rund siebzig teilnehmenden Künstler*innen Constantin Hartenstein und Armin Keplinger auf einen Kaffee getroffen um über Selektion und Zufall zu sprechen.

Die Kleine Humboldt Galerie ist ein unabhängiges Kollektiv, welches sich der zeitgenössischen Kunst abseits von Vermarktung und etablierten Ausstellungsräumen verschrieben hat. Gegründet wurde es 1987 von Dozierenden der Humboldt Universität. 2009 stellte sich das Team neu auf und wird seitdem rein studentisch geleitet. Ziel ist es sich künstlerisch mit politischen und gesellschaftlichen Veränderungen zu befassen. Die KHG stellt ein bis zwei Mal im Jahr aus. Zum zehnten Geburtstag der Neuaufstellung widmet sich das Team zehn Tage lang dem Thema der Selektion und füllt dabei nicht nur den Lichthof Ost des Hauptgebäudes der HU mit Kunst, sondern lädt Besucher*innen dazu ein, gemeinsam neue und bisher verborgene Orte der Universität und damit ein Stück Berliner Stadtgeschichte kennenzulernen.

Selbstkuratierung
Am 12. Juli beispielsweise findet der Performance-Abend „unknown“ , welcher mit Hilfe eines Zufallsgenerators bestimmt wurde, in einem der ältesten städtischen Parkanlagen auf dem Campus Nord statt. Vorab veröffentliche das kuratorische Team des Abends, bestehend aus Polina Kokotov und Liz Stumpf, einen open call. Zwei Wochen lang konnten sich Künstler*innen bewerben. Alle Bewerber*innen hatten eine gleichwertige Chance, Teil des Festivals zu werden. Wichtig dabei war nur, so Polina, „dass die KünsterInnen mit ihren Arbeiten nicht gegen geltendes deutsches Recht verstoßen.“ Am Ende wählte ein Zufallsgenerator 15 Künstler*innen für die Gestaltung dieses Abends aus. Polina und dem Team des KHG ging es darum, möglichst viele Ideen und Gedanken zum Thema Selektion vorzustellen. Sie haben beobachtet, dass der Mensch sich auch stets selbst kuratiere – also einem „gesellschaftlichen Optimierungsdruck“ unterliege und dieser zu extremen politischen rechten, wie auch linken Bewegungen führen könne. In einem solchen Klima bestehe die Angst, ungesehen und verkannt zu werden. Der Zufallsgenerator sei da unvoreingenommener. In der Praxis der „Selbstkuratierung“ ginge es vor allem darum „passkonform für die uns umgebende Gesellschaft“ zu bleiben.

In einem binären Gesellschaftssystem werden Männer und Frauen unterschiedliche Rollen und Verhaltensmuster zugesprochen. Ein Mann habe die Führungsrolle zu übernehmen. Constantin Hartenstein beschäftigt sich in seiner ALPHA Performance-Serie mit dem Dominanzverhalten innerhalb einer Gesellschaft. Der Zufallsgenerator wählte die von Constantin inszenierte Performance ADJUST (2018), in der drei Männer an ihre körperlichen Grenzen gehen, aus. Im Zentrum der Performance steht ein Mann auf dem Gesicht eines anderen, während ein Harfenist bis zur völligen Erschöpfung spielt. In diesem Akt der Dominanz und der Gewalt steht ein verbindendes, zärtliches Element – das Festhalten an der Hand des Partners. Dabei verlagern die Performer ihr Körpergewicht vom Gesicht auf Hände. Die Geste des „Händchenhaltens“ kann als „Brücke zur Dominanz“ gelesen werden. Für Constantin ist es spannend zu beobachten, wer von uns in „welchen Situationen die Hosen anhat.“

Der Zufall ist dein Freund
Armin Keplinger versteht seine Kunst als „Gesamtinszenierung“ und arbeitet „formalästhetisch“. Dabei interessieren ihn vor allem extreme Materialzustände. Seine Videoinstallation Projection (2014) wird am 17.Juli im Rahmen der Gruppenausstellung undeterminants im ehemaligen Strahlensaal der Charité gezeigt. Dieser Saal hat eine bewegte Geschichte hinter sich. Er wurde vor über 130 Jahren erbaut und diente unterschiedlichen Fachbereichen als Hörsaal. Während des Nationalsozialismus wurden jüdische Ärzt*innen aus dem Krankenhaus „aussortiert“, nach dem Krieg wurde der Saal an die Radiologie angegliedert. Aus dieser Zeit stammt auch der Name. 1961, im Jahr des Mauerbaus, wurde er geschlossen. Die Regierung befürchtete, der Strahlensaal könne aufgrund seiner Grenznähe als buchstäbliches Fenster zum Westen genutzt werden. Armin fasziniert der „geschichtsaufgeladene Ort mit seiner Ansammlung unterschiedlicher zeitlicher Ebenen.“ Der Saal wird erstmalig für eine Kunstausstellung geöffnet. Die Zeit ist an dem Strahlensaal nicht spurlos vorbeigegangen – Lack platzt von den Wänden, die Sitzreihen sind verstaubt. Diese „unberechenbaren Mechanismen der Destruktion“ sind auch Elemente von Armins Arbeiten. In „|¦¦|“ erforscht er das Thema der Zerstörung auf digitale Art. In dieser Installation kollidieren zwei Glasplatten, eine reale und eine digitale, miteinander. Die Kollision wird zeitlich gedehnt. Dabei stellt sich die Frage nach dem Ergebnis dieses Zusammentreffens. In anderen Arbeiten Armins muss der Betrachtende den Prozess der Destruktion in seinem Kopf selbst durchlaufen, da ihm nur das veränderte Material präsentiert wird.

Armin nennt die Ausstellung liebevoll „die Summe kleiner Entscheidungen, da auch Selektion ein Gestaltungsmittel ist.“ Und sollten wir dem Ruf Sartres „Du bist frei, also wähle!“ als zu große Last unserer modernen Freiheit betrachten, bleibt uns ja immer noch der Griff zu Algorithmen, die uns Entscheidungen abnehmen.

An allen Tagen des Festivals stehen den Besucher*innen das Kurator*innen-Team des KHG sowie die Künstler*innen für Gespräche und Fragen zur Verfügung. Polina, Armin und Constantin empfehlen so wenig wie möglich vorgefertigte Bilder an das Festival heranzutragen, damit der Blick offen und unsere Wahrnehmung dadurch so unvoreingenommen wie möglich bleibt.

Titel: „Du bist frei, also wähle!“ – J. P. Sartre

Fotos:
|¦¦|, Berlin 2014 © Armin Keplinger
ADJUST, Berlin 2018 © Constantin Hartenstein
Strahlensaal © Philip Topolovac

Links:
http://www.constantinhartenstein.com/news.html
https://www.arminkeplinger.com/
http://www.kleinehumboldtgalerie.de/upcomingexhibi/10x-unselected/

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