Zu Besuch bei Drink and Draw

VON REBECCA HÜDIG

Heute bin ich bei Drink and Draw eingeladen. Eine Kunstschule der besonderen Art und das nicht nur, weil im Bauch eines alten Schiffes unterrichtet wird. Der Historische Hafen am Märkischen Ufer, feierte gerade erst im Mai seinen 721. Geburtstag. Das Wetter ist schwül und es gewittert regelmäßig. Ich muss zugeben, deswegen war es eine kleine Überwindung, mich auf den Weg zu begeben. Aber der erste Schritt auf den leisen, knarrenden Planken in den Schiffsbauch hinein und ich bereue es nicht.

Gleich am Eingang befindet sich eine Bar im schummrigen Licht. Die Wände sind schwarz gestrichen, Zeichnungen in Rahmen hängen in regelmäßigen Abständen an den Wänden und laden zum Betrachten ein. Entlang der Seiten befinden sich urige Sessel und Sofas. Einige Teppiche mit orientalischen Mustern auf dem Boden. Insgesamt ist die Atmosphäre gemütlich.

Ich setze mich mit Julian und Bajar weiter rein in das Schiff, auf eines der bequemen Sofas. Hier ist mehr Licht. Die beiden haben Drink and Draw ins Leben gerufen.
Nach anfänglichen Mitarbeiter*innenwechseln, sind sie mit Hanna und Helen ein festes Team. Inzwischen sind die vier das Familienunternehmen, wie Bajar es schmunzelnd nennt.

Für fast zwei Jahre, hatten sie ihr Atelier in der Alten Münze, bevor sie im November 2018 in den Kahn wechselten. „Wir hatten durch den Winter einen etwas schwierigen Start, weil wir noch keine vernünftige Heizung besaßen. Aber so langsam funktioniert es hier. Muss man sich bei einem alten Schiff auch daran gewöhnen. An die Eigenheiten-“, sagt Julian.

Dass sie selbst eine Kunstschule gründeten, lag an den Angeboten in Berlin. Julian erklärt: „Es sind ein paar Sachen, die uns störten. Aus der Sicht der Zeichner*innen selbst: die Models waren schlecht ausgeleuchtet, dann auch oft dieselben. Außerdem gab es sehr wenig Unterricht, wenn überhaupt! Und das fanden wir etwas langweilig. Auch, dass bei solchen Kursen in der Stadt meistens das Soziale gar keine Rolle spielt. Man geht dahin, zeichnet und haut wieder ab. Das es eine Community gab war sehr, sehr selten.“ Bajar ergänzt: „Als Student*innen hatten wir nicht viel Geld für die teuren Kurse. Und dann sollte man während des Kurses nicht reden, wie in der Schule. Viele saßen isoliert mit Musik in den Ohren.“ So entstand die Idee: dann machen wir das selbst, mit dem Fokus auf regen Austausch. „Das fanden wir viel spannender!“, sagt Julian. „Kennt man ja oft genug: Künstler*innen, die sich zu Hause einschließen und ihr Ding machen. Die zu schüchtern sind, um mal rauszukommen und zu merken, dass sie nicht allein sind, sondern hier auch auf einem Level und teilweise mit richtig krassen, schon in der Industrie angekommenen Leuten, zusammen zeichnen und locker quatschen können. Das Trinken ist eigentlich nur ein Synonym für das soziale. Es soll für eine lockere Atmosphäre sorgen, es läuft ja auch Musik.“

Die ersten Kursbesucher*innen treffen ein und Bajar steht auf, um sie zu herzlich zu begrüßen, während ich mich weiter mit Julian unterhalte.

Wenn nun jemand das erste Mal Drink and Draw besucht, was erwartet sie oder ihn? „Ein sehr alternatives Kunstschulprojekt. Man kann hier herkommen, um richtig was zu lernen, wie im Kunstunterricht, aber gleichzeitig in einer lockeren Atmosphäre. Niemand bekommt was auf die Finger, wenn man irgendetwas falsch gemacht hat. Jede*r ist immer noch sich selbst überlassen, aber man hat die Option die…“, Julian sucht nach dem richtigen Wort und sagt grinsend, „Weisheiten, die man hört, mitzunehmen. Und danach mit den Leuten zu connecten. Auch in der Pause zusammen zu schnacken und sich auszutauschen. Sich von anderen, inspirieren zu lassen. Am Ende jeder Session kann jede*r, der oder die möchte seine Arbeiten vorlegen und dann können die unterschiedlichen Stile verglichen werden. Die Künstler*innen gehen aufeinander zu und fragen wer wie was gemacht hat. Es ist wie ein Makingpot, in dem alles zusammen geschmissen wird und es kommt immer etwas Spannendes dabei heraus. Das Soziale MUSS dabei sein. Denn in der heutigen Arbeitswelt ist der Austausch das Wichtigste und diesen bekommt man hier.“

Allein vom Kunst unterrichten können die vier noch nicht Leben. „Die Fixkosten haben wir über die Einnahmen gedeckt, die Firma kann davon leben, wir noch nicht ganz. Aber das ist der Plan. Wir versuchen, auch größere Firmen und Events rein zu bekommen, die mal etwas mehr zahlen können. Zum Beispiel waren die Urlaubspiraten hier und bald die Deutsche Bahn. Sie können auf dem Kahn Sitzungen abhalten und mit einem Kunstkurs den Abend ausklingen lassen. Um Balance in ihrem Arbeitsalltag zu finden und in eine andere Richtung kreativ zu werden. Erst die Arbeit, dann das Vergnügen.“

Ob demnächst ein Workshop, außer der üblichen drei Wochentermine, stattfindet?  „Ja, am Samstag, dem 15. Juni eine Tattoo Jam, zum bereits zweiten Mal. Tattookünstler*innen werden eingeladen, die ihre kleinen Stationen bekommen. Der ganze Tag ist so offen gestaltet, dass jede*r, der oder die sich für Tattoos interessiert, kommen kann. Bei der ersten Tattoo Jam ergab es sich, dass an einem Tisch die ganzen Designer saßen, an denen sie zeichneten. Auf Körperschablonen, oder Transferpapier übertrugen sie ihre Designes. Dann hat irgendjemand anderes diese genommen und zum Tätowieren benutzt. Oder man bekam Tattoo Maschinen ausgeliehen und hat selbst auf einer Banane geübt und sich ausprobiert.“ Ich frage, ob sich einer von ihnen auch was stechen lassen hat. Das nicht, aber Julian hat selbst gestochen, da er ebenfalls Tattoo Künstler ist. Er nutzt es für sich, um noch kreativer zu sein. Auch bei diesem Event geht es ebenfalls um einen Austausch über Utensilien, Stile, Erfahrungen und Inspiration.

Es ist bereits kurz vor 19 Uhr. Ich bin nicht die einzige, der es Wert war, sich bei diesem Wetter hierher zu bewegen. Die heutigen Teilnehmer*innen beginnen sich auf ihren Plätzen einzurichten, das Alter scheint hier keine Rolle zu spielen.

Der Kurs beginnt. Aufgrund der internationalen Künstler*innen wird er größtenTeils auf Englisch gehalten. Julian begrüßt die Anwesenden und lässt sie wissen, dass auf einem der Tische Material liegt, falls jemand etwas vergessen haben sollte. Es stehen zusätzlich Staffeleien zur Verfügung. Außerdem wird noch einmal auf die Bar verwiesen. Auch wenn es im Gegensatz zu draußen hier unten eine angenehme Temperatur herrscht, keine schlechte Idee, sich ein kühles Bier zu holen. Julian stellt das Modell und das heutige Programm vor: kurze Aktposen. Mit einem Handy stoppt Bajar die Zeit. Eine Minute vor Posenwechsel wird auf die diese hingewiesen. Entspannte Musik läuft im Hintergrund und das Modell nimmt die erste Pose für zwei Minuten ein. Große Lichterketten und drei Kronleuchter hängen über dem Modell und den auf Holzstühlen sitzenden Zeichnenden. Zusätzlich zu den Stühlen befindet sich links der Bühne ein kleines Podest mit einer weiteren Couch und einem Sessel, auf dem ebenfalls konzentrierte Besucher*innen sitzen. Über ihnen spannt sich ein roter Stoff, wie ein Baldachin, bis hinunter an den Wänden. Ein toller Kontrast zu der schwarzen Wandfarbe. Das gesamte Schiff scheint, mit seiner Einrichtung, selbst ein Kunstwerk zu sein.

Posenwechsel. Die leise Musik im Hintergrund Unterstützt eine konzentrierte Stimmung. Ich höre das leise Kratzen und Rutschen, der unterschiedlichen Zeichenutensilien, über das Papier. Insgesamt finden fünf mal zwei Minutenansichten auf das Modell statt. Stehend, gebeugt, sitzend, die Rückenansicht und weit die Arme von sich gestreckt. Julian gibt zwischendurch Hinweise auf Besonderheiten der Positionen, sodass die Teilnehmer*innen wissen, wohin sie ihr Augenmerk richten sollten. Ich bleibe noch etwas länger und genieße die Stimmung.

Diese Kunstschule ist eine Empfehlung für jede*n, der oder die mit dem Zeichnen beginnen möchte oder bereits voll dabei und auf der Suche nach Gleichgesinnten ist. Wer, wie ich, bis zu seinem Besuch bei Drink und Draw noch nie über das Zeichnen als Hobby nachdachte, wird es spätestens hier, ernsthaft in Erwägung ziehen.

Dienstags bis Donnerstags finden Workshops für ca 2.5 Stunden, zu einem Preis von 10 Euro, ab 19 Uhr statt. Eine Voranmeldung ist nicht nötig.

Die ca. zweieinhalbstündigen Workshops finden wöchentlich Dienstags und Donnerstags ab 19 Uhr statt (Preis pro Sitzung 10 Euro). Eine Voranmeldung ist nicht nötig.
Der Unterricht findet zumeist auf Englisch statt.

Infos über anstehende und vergangene Veranstaltungen sowie erste Einblicke über:
https://www.drinkanddrawberlin.com/home
https://de-de.facebook.com/drinkanddrawberlin/
https://www.instagram.com/drinkanddrawberlin/

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