Rezept:kunst

VON IDA REES

Die Tage werden kürzer, der Melatoninspiegel in unserem Körper bleibt erhöht, er verführt uns zu gemütlichen Tätigkeiten und zu düsteren Gedanken. Doch es gibt etwas das den Menschen erheitern kann: „Clouds are free. They just float around the sky all day and have fun. You can’t have light without dark. You can’t know happiness unless you’ve known sorrow. No worries. No cares. Just float.“ In The Joy of Painting verzaubert Bob Ross mit seinen geflügelten Worten und farbenfrohen Atmosphären. Durch seine meditativ ruhige und etwas ulkige Art, mag eine leichte depressive Verstimmung verfliegen können. Gar mehr noch, anregendes beginnt sich in den Fingerspitzen zu tummeln und die Verlockung ruft gleich mitzumachen. Und schon hat man die Schuhe an, ist auf halbem Weg zum Künstlerbedarf und wieder in Bewegung ‒ auf zu neuen Taten.

Irgendein Mensch in Montreal muss Ähnliches erlebt haben. Nicht unbedingt hat es mit Bob Ross zu tun, aber es geht entfernt in diese Richtung.

Dort können seit November 2018 Mediziner*innen Rezepte für das Musée des beaux-arts de Montréal (MMFA) an ihre Patient*innen ausstellen. Grundlage sind laut Deutschlandfunk “diverse Studien”, die nicht weiter spezifiziert werden. Im Hintergrund sitzt keine Krankenkasse, sondern ein Kunstliebhaber, der den Patient*innen mit einer erheblichen Geldsumme, dieses ungewöhnliche Rezept ermöglicht.

Doch damit nicht genug, Montreal bietet mehr: Mediziner*innen, Kulturschaffende und Psycholog*innen arbeiten zusammen an einem Programm des Montreal Museum of Fine Art.  Sie verschreiben sogar die gleiche “Medizin”: Eine bunte, formvielfältige und verlebhaftende ‒ wer nun an entsprechendes aus der Berliner Clubszene denken mag ‒ weit gefehlt! ‒ Kunst ist gemeint.

Der Museumsbesuch mit wohltuender Wirkung? Mit Überzeugung berichtet die Website des Montreal Museum of Fine Arts: „Art has a positive effect on the physical and mental health and well-being of individuals.“ Kunsttherapie ist das neue Programm, welches das Museum neben dem klassischen Vermittlungsangebot bietet. Klingt esoterisch? Ist es aber nicht. Mit fünf verschiedenen Formaten arbeiten Therapeut*innen und Kulturschaffende im Museum mit den Originalen. “La dramatherapie et l’art-thérapie pour l’intégration”, “Breaking the isolation”, “Sharing the Museum” und “Seeds of Hope” heißen die Programme und Workshops, welche das MMFA in Zusammenarbeit mit ansässigen Universitäten, Instituten und Psychiatrien anbietet. Hinter den genannten Projektnamen stecken Konzepte, mit dem Fokus auf verschiedene gesundheitliche Aspekte. Das Angebot richtet sich laut MMFA an: “ […] persons living either with mental health issues, autism or eating disorders, or with difficulties related to learning, living together and social inclusion”.

Nicht nur in Kanada, auch im UK und in Australien existieren in Museen und Galerien vergleichbare Konzepte. Ist Ähnliches bereits in Berlin angekommen? Kunsttherapie kann als Masterstudiengang an der Kunsthochschule Berlin Weißensee in Berlin studiert werden. Der Studiengang, dessen Ansätze sich Mitte des 20. Jahrhunderts in Europa und Amerika entwickelten, vereint Kunst und Psychologie. In Berlin haben die Kunsthochschule Weißensee und die Charité Campus Mitte zusammengearbeitet. Eine Studie und ihre Ergebnisse wurden 2014 in dem Online Journal PLOS ONE veröffentlicht. Untersucht wurde die “Wirksamkeit der Kunsttherapie mit erwachsenen akut schizophrenen Patienten”.

Kunst wird in der Therapie als Vehikel eingesetzt, um Informationen über das diagnostizierte Störungsbild für einen selbst besser verständlich zu machen oder um, neben der Sprache ‒ eine andere Form des Ausdrückens und Verarbeitens zu erproben.

Werke reflektieren Empfindungen und Stimmungen ‒ negative und positive. Sie zeugen von der Vielfalt der Welt, wie auch von der Vielfalt der Weltsichten und können so dazu beitragen, sich nicht immer so allein zu fühlen, wie man manchmal glauben mag. Anders als in Montreal hat die Kunsttherapie in Berlin noch nicht den öffentlichen Raum der Museen erreicht. Schade eigentlich, denn in Museen werden Empfindungen epochenübergreifend sichtbar gemacht. Melancholie, Angst, Liebe, Wut und Freude können bei einem Museumsbesuch auf einen eintreffen. In der Neuen Nationalgalerie schafft es Caspar David Friedrich mit seinem über 200 Jahre alten Werk Mönch am Meer uns daran zu erinnern, wie Melancholie und Einsamkeit sich anfühlen können, ohne dass jemand uns das Werk erklären muss. Pieter Bruegel der Ältere lässt uns vor Lachen in die Knie gehen, wenn wir in der Gemäldegalerie am Kulturforum unseren Blick in den niederländischen Sprichwörtern festsetzen. Dass Gefühle so alt sind wie die Zivilisation, und sich Künstler verschiedensten Empfindungen seit jeher widmen ‒ auch das ist in den Museen studierbar.

In Montreal verschiebt sich die Kunsttherapie hinaus aus Kliniken und Praxen hinein in das Museum: „ […] researchers from various institutions in Quebec are studying the beneficial effects of a visit to the Museum, which may be comparable to the benefits of physical exercise.“ In Zusammenarbeit mit verschiedenen Instituten, wie der Douglas Mental Health University ‒ einer psychiatrischen Klinik in Montreal ‒ und ihren Ärzt*innen- und Psycholog*innenteams wird der neutrale Ort des Museums, zum neuen Experimentierfeld. Was wir davon lernen können? Das Museum ist ein Ort für verschiedenste Formate. Abseits der Universitäten, können hier unterschiedliche Fachrichtungen aufeinander treffen und mittels der ausgestellten Kunst gemeinsam gestalten. Der interdisziplinäre Ansatz liefert einen fruchtbaren Boden, Wege neu und anders zu denken und die Gesellschaft ein Stück weiter zu öffnen.

Weiterführendes:

Montreal Museum of Fine Arts

Hamil, S. (2016). The Art Museum as a Therapeutic Space (Doctoral dissertation)

Studie PLOS ONE

Foto:
Caspar David Friedrich, Der Mönch am Meer, 1808-1810, Berlin, Alte Nationalgalerie, Nationalgalerie der Staatlichen Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Fotograf: Andres Kilger

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