Wunderbild in deinem Feed.

Die Große Halle der Nationalgalerie in Prag ist seit mehreren Jahren für monumentale Kunstwerke vorbehalten. In der Vergangenheit wurden in diesem Hangar-ähnlichen Raum zum Beispiel das Slawische Epos (1912 – 1926) von Alfons Mucha oder Ai Weiweis Law of Journey (2017) als Reaktion auf die Flüchtlingskrise ausgestellt. Die Reihe der explizit gesellschaftlich geprägten Kunstwerke ist von der Ausstellung Wunderbild der deutschen Künstlerin Katharina Grosse gebrochen. Oder nicht?

VON GABRIELA KLEMOVA

 

Eine Leinwand von 20 x 52 Meter ist für die Wände einer Gemäldegalerie eher eine ungewöhnliche Größe. Kombiniert man dieses riesige Format mit dem ganzen Farbenspektrum, ist eine Überförderung der sensorischen Wahrnehmung garantiert. In der Ausstellung Wunderbild der in Berlin lebenden Künstlerin Katharina Grosse (1961), scheinen die riesigen bemalten Tücher wie Vorhänge auf zwei gegenüberliegenden Langseiten der Halle von der Decke hinab auf den Boden zu fließen. Beim genauen Hinsehen erkennt man außer den Nähten zwischen einzelnen kleineren Stoffstücken auch eine Schicht von Staub, die sich auf dem seit mehreren Monaten auf dem Boden liegenden Teil des Kunstwerks gebildet hat. Doch die Monumentalität übertrumpft diese Kleinigkeiten. Der oder die pedantische Betrachter*in ist im Verhältnis zum Kunstwerk winzig.

Die bunten Farben, die Katharina Grosse mit Sprühpistolen aufträgt, sind ein Kennzeichnen für die meisten ihrer Kunstwerke. Beim Wunderbild beobachtet man dennoch farblose Flächen, die den Blick beim Betrachten schweifen lassen. Diese Durchbrüche der Farbfelder irritieren und tauschen – jedoch im positiven Sinne, denn die weißen Flächen wirken als Rahmungen oder auch als Ausschnitte, unter denen sich noch ein unterliegendes Stoffstück befinden könnte. Dieses Spiel mit der Dreidimensionalität und Raumwahrnehmung ist im Sinne der Künstlerin: Es sei ihr Spiel mit Schatten in der Kindheit gewesen, das Wunderbild im Wesentlichen inspiriert hat. Was für Gegenstände man in den Schatten an den Tüchern erkennt, ist dem oder der Betrachter*in selbst überlassen.

Behält man die Fülle vorangegangener Arbeiten der Künstlerin im Hinterkopf, könnte man eine Tendenz zur Rahmung einzelner quadratischer, farbloser Flächen als eine Rückkehr zu zweidimensionalen Formaten der Materie interpretieren. Die riesige, abstrakte Fläche gewinnt dadurch ein wenig an Übersichtlichkeit. In Zeiten von Smartphones und Instagram günstig, denn man kann nur schwer das ganze Werk in einer Fotografie aufnehmen. Vielleicht geht es nicht um die Gesamtheit des Gemäldes  – es reicht, dass man die Züge des Werkes hinter einer Person erkennt und im viereckigen Format mit dem #art postet. Die Welle von Posts aus der Ausstellung zeigt, dass das Kunstwerk sämtlichen „Fotoshootings“ von Einzelpersonen, Kindern oder Pärchen eher als Hintergrund und nicht als Mittelpunkt dient.

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#wunderbild bei Instagram.
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Katharina Grosse vor ihrem Kunstwerk. Foto: © NG Prague.

Nach der Ausstellung von Kryštof Kintera in der Galerie Rudolfinum in Prag im Herbst 2017 ist Wunderbild eine der nächsten Prager Ausstellungen, die in Posts der Instagramnutzer*innen ungewöhnlich oft auftauchen. Auf der einen Seite effektive Werbung für zeitgenössische Kunst und für die Kunstmuseen, auf der anderen Seite auch Einschränkungen des künstlerischen Schaffens. Die renommierte Künstlerin Grosse brauchte in der Vergangenheit kein Instagram um berühmt und anerkannt zu werden. Trotzdem setzt auch sie einen einflussreichen Maßstab für die künftige Generation der Künstler*innen, die sich heute durchsetzen möchten bzw. ihr Net-Worth ins Spiel bringen müssen. Und es geht nicht nur um reine Inspiration, denn vor allem Visualität ist die eigentliche Sprache der Sozialen Netzwerke. Dieser Trend beruht wohl auf der ewigen Gier nach Likes. Werke müssten dann faszinierend und genug sein, um möglichst oft geteilt und damit überlebenswürdig zu sein. Der Geschmack des elitären Kunstkenners ist in den Schatten gestellt. Dazu kommt, dass das authentische Schaffen des künstlerischen Geistes unbewusst eingeschränkt wird, um sich an die Instagram-Schönheitsnormen zu halten. Ist es nicht ein Schritt zurück? War und ist die Kunst je frei?

Aber jetzt lieber zurück zum Wunderbild. Betrachtet man die früheren Werke Grosses sowie die neuesten Werke, dann lässt sich feststellen, das Wunderbild das Potenzial der Künstlerin gar nicht erschöpft hat. Zum Beispiel hat sie schon mehrmals auf eine Leinwand  verzichtet, die Farbe direkt auf eine Wand oder Fassade aufgetragen und somit ihr Spiel mit dem Raum veranschaulicht. Vielleicht hatte die Nationalgalerie in Prag eher vor, Grosse überhaupt für eine Ausstallung zu gewinnen, als ihre Grenzen zu erproben. Obwohl ein Teil des Bodens im Museumscafé auch von Grosse gestaltet wurde, könnte die Nationalgalerie größere Effekte durch kühnere Eingriffe in die Architektur erzielen. Oder bin ich schon wegen Instagram nach noch mehr visueller Faszination hungrig, dass mich die Leinwände langweilen?

 

Weiterführendes:

„Katharina Grosse: Wunderbild“, Nationalgalerie in Prag – Veletržní palác, bis zum 06. Januar 2019 zu sehen.

Weitere Infos: https://www.ngprague.cz/en/exposition-detail/katharina-grosse-wunderbild

Titelbild: © NG Prague

 

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Detail von Wunderbild. Foto: © NG Prague.
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Wunderbild. Foto: © NG Prague.

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