GASTHÖRER*INNEN – Verkannt, Vermarktet, Vergesslich

von Imke Kappernagel

In manchen Kulturen setzt man die Alten zum Sterben auf Eisschollen und lässt sie aufs Meer hinaustreiben. In unserer Gesellschaft enden die Kandidaten für diese Prozedur meist als Gasthörer*innen in Kunstgeschichtsvorlesungen. Ok, ich schäme mich schon in der Sekunde nach dem Niederschreiben für diesen Vergleich. Trotzdem sind die immer zu früh erscheinenden Damen und Herren, ausgestattet mit Collegeblock, künstlichem Hüftgelenk und schleimigem Husten, einen genaueren Blick wert.

Auffällig ist, wie sie auch optisch das Institut beeinflussen. Als sich so beispielsweise in der jüngeren Geschichte aus bisher ungeklärten Gründen ein Kamerateam ins Institut verirrte, um Schnittbilder von jungen, hippen Student*innen zu sammeln, spielten sich im Hörsaal absurde Szenen ab: Die Menschen, die von den Silver-Surfern später als „die Leute vom Fernsehen“ betitelt wurden, verlangten vom Vorlesungssaal die Aufteilung der Zuhörerschafft in jung – im Bild – und alt – nicht im Bild – auf zwei Seiten. Die ergrauten Herrschaften – ja, ich hacke weiter auf dem schimmernden Haupthaar der allermeisten Eminenzen herum – passten einfach nicht in das Bild, das man sich gemeinhin von dem Publikum einer Vorlesung zu machen scheint.

Dabei steckt hinter der Gasthörerschaft ein ganzes System, das sich smarte Business-Minds als Venture der Zukunft unserer immer älter werden Gesellschaft from scratch ausgedacht haben. Die GasthörerCard Art an der Freien Universität – die Uni scheint nicht zu gendern, wenn die Zielgruppe nicht weiß, was das ist – kostet für das Wintersemester 2018/19 225€. Mit einem ganzen Rahmenprogramm mit Exkursionen und Zusatzprogrammen beeindruckt diese nicht nur preislich im Vergleich zur GasthörerCard Classic für 145€ pro Semester.

Unter den erlesenen Veranstaltungen finden sich dann auch immer wieder Programmpunkte, die für Studierende zugänglich sind. Andere dagegen sind exklusiv. Wären wir am 2.6. nicht auch gerne mit in „My Fair Lady“ in der Komischen Oper gegangen oder hätten wir vielleicht ebenfalls Spaß daran gehabt, zwischen dem 7.-23.6 an fünf Terminen über Hannah Arendt im Spannungsfeld zwischen Kunst und Politik zu diskutiert? Da können die anderen der 40.000 Gasthörer*innen Deutschlands (Zahlen aus dem Wintersemester 2017/18) nur staunen.

An der Humboldt Universität werden die Gasthörer*innen pro Semesterwochenstunde mit 15€ zur Kasse gebeten. Bei drei besuchten Vorlesungen sind das im Semester also 90€. Dadurch können aber, so die HU-Website, „neue Erkenntnisse auf universitärem Niveau erworben werden“. An der TU gilt selbiges „pricing“ – mit verschiedenen uprgrades und downgrades. Terms and conditions wie immer perfekt fürs recruitment. Hoffentlich aber ohne failure to pay, weil nicht so free of charge.

Deshalb muss an dieser Stelle unbedingt über die Kosten für die Gasthörerschaft gemeckert werden. Wenn man schon alles hat, ein Haus in Kleinmachnow, einen Jagdhund und einen Rasenmähroboter, fehlt als ultimatives Statussymbol anscheinend nur noch der Gasthörerschein… pardon… die GasthörerCard Art. Was manche Rentner*innen aber mit uns verbindet, ist das Missverhältnis zwischen Geld und Zeit, das in einer zunehmend prekären Lebenssituation mündet. Da sind gute 200€ für Bilder im Dunkeln gucken schon exzellent. Veritas, lustitia, Libertas, bitches. Wie hoch wohl die Zahl der höchst kriminell illegal Gasthörenden ist, kann man sich fragen. Inwiefern das Programm eine Öffnung der Institution Universität ermöglicht oder ob es viel eher die falschen Strukturen selbiger verfestigt, steht ebenfalls im Raum.

Ich weiß nichts darüber, wie sich das Kusthistorische Institut finanziert. Nichts. Trotzdem könnte man ja zumindest mal in den Raum stellen, dass das Akquirieren von Gasthörer*innen auch finanziell zu einer breiteren Institutskultur beiträgt und sie, so scheint es zumindest, in manchen allgemein zugänglichen Veranstaltungen mit einem vorsichtig geschätzten Gasthörer*innenanteil von 80 % beeinflusst.

Wenn wir also das nächste Mal in einer Vorlesung sitzen und das Gefühl haben, von allen anderen Menschen im Raum durch mindestens zwei Generationen getrennt zu sein, sollten wir dankbar sein, dass diese Menschen entweder bereit sind, Summen von Geld für ihre Anwesenheit auszugeben oder genug kriminelle Energie besitzen, dies nicht zu tun.

Trotzdem. Oh, alter, weiser Mensch, der da abfotografiert jede Folie mit dem Smartphone, Blitz und Fotogeräusch – man geht ja mit der Zeit – man möchte dir zurufen, wie leer die Vorlesung doch ohne dich wäre. Inhaltlich und räumlich. Wenn du Freitag um 17:46 Uhr noch eine Nachfrage zum Geburtsjahr Caspar David Friedrichs stellst, möchte man dich herzen und wünscht sich dich als Omi oder Opi. Hoffentlich gehen wir bald mal zusammen Enten füttern – oder zum Bingo.

Ein Kommentar zu „GASTHÖRER*INNEN – Verkannt, Vermarktet, Vergesslich

  1. Witzige Geschichte: in meinem vorletzten Seminar forderte der Prof die Gasthörer auf, zu gehen. Mein Tischnachbar raunzte mich an. „Die Rentner sollen raus!“ … Kurz darauf flog ihm das Leben um die Ohren. Denn: nicht alles, was Eurer Ansicht nach Moos auf dem Rücken hat, ist Gasthörer. Wir leben in einem tertiären System. Lebenslanges Lernen. Das kann für eine neue Karriere sein, das kann zum Selbstzweck (das kennt Ihr nicht) sein. Die meisten echten Gasthörer hatten schon ihre akademische Karriere, da bist Du noch mit der Tröte um den Weihnachtsbaum gerannt. Während also Frauen sich in Doppelbelastung abmühten, um Deiner Vorgängergeneration das Bafög sichern zu können, sprichst Du ihnen, ganz genderneutral, das Recht auf Bildung ab.
    Ich erkläre Dir mal meine Beobachtung. Während Eure Generation noch immer nach dem Sinn des Akkusativs googelt, sprechen die meisten Gastis Latein und Griechisch einfach neben Englisch und Französisch. Während Ihr derweil in den Seminaren nur noch im PC so geiles unverzichtbares Zeug bei Amazon kauft wie „Kickboxhosen“ und schon 4 Wochen vor der VL-freien Zeit bei Air-BNB Eure Ferienunterkünfte in irgend ner hippen Stadt bucht, arbeiten DIE noch richtig mit. Wegen so Tröten wie Euch musste ich mir 4 Semester den immer gleichen Basisschrott anhören, weil auch nach 5 Jahren der Unterschied zwischen Inkunabel und Frühdruck noch immer ein Geheimnis war, das Ihr nicht lösen konntet – nichtmal mit Google. Geschenkt.
    In Eurer Fit-Schlank-und Schön- Welt kommt Alter nicht vor. Was Du noch nicht hast:
    – Kinder alleine großgezogen
    – Verantwortung für mehr als 4 Wochen übernommen, die über Dich selbst herausreichte
    – Viva la vulva – und dann ist Facebook voll von Gejammer nach irgendeinem Typen, der sich wie de letzte Arsch verhält.
    – begriffen, dass es ein Leben NACh dem 30. Geburtstag gibt (und wenn, dann ist es den meisten erst im xunddrölfzigsten Semester aufgefallen)
    – irgendeinen verdammten Rentenpunkt erwirtschaftet
    Also halt mal den Ball flach.
    Die „Silversurfer“, die ich als Gasthörer erlebt habe, die kannten sich im Fach besser aus, als Ihr es jemals werdet.
    Die, die Du wohl irrtümlich für Gasthörer hältst, studieren gemeinhin ohne Abi, gehören zu den besten 3 % der Abschlüsse, und haben sich im 2. Semester schon Traumstellen erjagt – und dabei mit ihren Kunsthüften im Bewerbungsverfahren 70 junge Mitbewerber aus dem Rennen gekickt. Die, die das leisten, arbeiten nebenher in Vollzeit, da wischst Du Dir noch den letzten billigen Glühwein der Asta-Weihnachtsparty aus dem Mundwinkel.
    Die, die DU für Gasthörer hältst, haben bereits den 5. Masterabschluss in der Tasche, während Ihr im gap-Year noch zum Lauchpflücken nach Australien fahrt, um „Euch selbst zu finden“.
    Alt ist unsexy. Da haste recht. Alt ist aber nicht dämlich. Alt ist schonmal entrechtet worden: das ist aber schon 70 Jahre her. Ich dachte, das sei vorbei. Alt ist nicht das, was DU als Deinen persönlichen Horror vor Kunsthüfte (haben wohl gearbeitet) und Windel im Pflegeheim herauskehrst. Alt ist das, was DU in Deinen Gedanken bist. Unflexibel, Menschenwürde verachtend und von einer Arroganz, die ohne je was geleistet zu haben, denen die abspricht, die mehr in ihrem Leben auf der Pfanne haben, als DU jemals haben wirst.
    Gruß: die, die promoviert und nebenher notfalls auch DEIN Leben rettet. Und schönen Gruß von denen, die auch >50 mehr Aktion in ihrem Leben haben, wenn Du schon n Therapeuten brauchst.

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