Der blinde Fleck

Die Ausstellung Hello World im Hamburger Bahnhof reflektiert die eurozentristische Sammlung der Nationalgalerie der Staatlichen Museen zu Berlin. 

von Magdalena Lösch

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…und auf dem Computerbildschirm erscheint: „Hello World!“
Das Hello-World-Computerprogramm soll Informatikanfänger auf möglichst simple Weise in die grundlegende Syntax der Programmiersprache C++ einführen und zum Schluss den Text Hello World ausgeben. Hello World ist aber auch der Titel einer neuen Ausstellung im Hamburger Bahnhof. Wobei „Ausstellung“ zu kurz greift, die KuratorInnen nennen es treffender: „Revision einer Sammlung“. Ähnlich wie in der Informatik, soll Hello World in die grundlegende Sammlungssyntax der Nationalgalerie der Staatlichen Museen zu Berlin einführen, erworben von 1876 an bis heute.

Zu sehen sind Werke, die aus eurozentristischer Ignoranz ewig im Keller lagen oder bisher feinsäuberlich von der westlichen Kunst getrennt in die ethnologischen Museen abgeschoben wurden. Sichtbar gemacht werden in Hello World also nicht nur die außereuropäischen Exponate, sondern quasi der „blinde Fleck“ der Nationalgalerie selbst, „fremde“ Kunst, wenn überhaupt nur als skurrile Exotika gesammelt zu haben. Wobei ziemlich schnell klar wird, dass die Formulierung blinder Fleck hier völlig fehl am Platz ist. Sie suggeriert, dass ein geringer Teil ignoriert und ausgelassen wurde, aber das Gegenteil ist der Fall: die Mehrheit wurde ausgelassen, ganze Kulturepochen und Stilrichtungen ignoriert und der blinde Fleck, dass ist die Sammlung selbst.

Aufgearbeitet werden die Bestände nicht etwa in einer geradlinigen, chronologischen Erzählung, sondern in 13 verschiedenen Kapiteln, die wiederum 13 völlig separaten Ausstellungen gleichen. Dafür wurde das feste Kuratorenteam von Direktor Udo Kittelmann um fünf internationale Köpfe erweitert, die von außen kommend zur Vielstimmigkeit beitragen sollen.

Da ist der von Anna-Catharina Gebbers kuratierte obere Westflügel, der unter dem Motto „Ein Paradies erfinden“ die Orte behandelt, die man sich im 19. Jahrhundert als exotische Paradise imaginierte und die zu Eldorados entlang der kolonialen Handelsrouten wurden. Ausgangspunkt der Ausstellung ist zunächst aber Potsdam. Carl Blechens Bild Das Innere des Palmenhauses (1832) auf der Pfaueninsel zeigt nicht nur allerhand exotische Gewächse, eine erbeutete indische Säule und barbusige Odalisken, sondern auch das preußische Verlangen nach dem „Platz an der Sonne“. Dem gegenüber hängt ein Bild, das die ethnische Erwartungshaltung der Besucher vollkommen durcheinanderbringt. Blechens indonesischer Zeitgenosse Raden Saleh übertrug die stereotype Darstellungsweise des westlichen Orientalismus in seine eigene Bildsprache und zeigt in dem Gemälde Reitender Beduine im Kampf mit einem Löwen (1877) einen Reiter in traditionellem arabischen Gewand, der einen angreifenden Löwen abwehrt, während im Hintergrund die Sonne glutrot hinter der Savanne versinkt. Die interessanteste und in jedem Fall aktuellste Arbeit des Raumes liefert aber das junge Künstlerkollektiv GCC aus den Vereinigten Arabischen Emiraten. In der Videoinstallation L’Air du Temps (2015) fährt eine Kamera durch ein französisches, vor feudalem Prunk protzendes Palais. Man sieht aus dem Fenster Paris, dann allerhand alte Rokoko Möbel, pompöse Spiegel, stuckbesetzte Kamine und dazwischen plötzlich einen Stepper, einen iMac, eine Sauna und dann arabische Schriftzeichen an der Wand und Fernseher, die eine arabische Kochsendung zeigen. Hier wohnt ganz offensichtlich nicht mehr ein französischer Wirtschaftsboss, sondern ein fernöstlicher Ölscheich, dem der westliche Rokokopathos nur noch als exotische, verwaiste Kulisse dient. Das Video zeigt gewissermaßen die Horrorversion eines jeden Wutbürgers und erinnert an Michel Houellebecqs Zukunftsszenario in seinem Roman „Unterwerfung“. Einen Fettnapf lässt Gebbers damit gelungen aus: den sonst so oft bemühten mitleidvollen Blick auf folkloristisch kuratierte, außereuropäische Kunst.

Nicht alle Ausstellungskapitel schaffen dies so gut. Im oberen Ostflügel zum Beispiel stellt Natasha Ginwala unter der Überschrift „Ankunft, Einschnitt“ Gemälde der indischen Moderne, etwa von Gaganendranath Tangore und Satish Gujral, bekannten Werken von George Grosz und Robert Rauschenberg gegenüber. Der Vergleich führt dann im besten Fall dazu, dass man ihre Unvergleichbarkeit feststellt, im schlechtesten Fall aber dazu, dass die westlichen Großmaler wie so oft als Referenz herhalten, um außereuropäische Kunst neben sich ein- und unterzuordnen. Wieso europäische Epochenkonzepte wie die „Moderne“ oder „Avantgarde“ überhaupt als Setzkasten zur Ordnung der südasiatischen Kunst herangezogen werden, wird nicht klar und wie repräsentativ einige ausgestellte Künstler für die „indische Moderne“ sind, fragt man sich spätestens beim Blick auf die Lebensläufe, wenn man feststellt, dass beispielsweise die Malerin und Bildhauerin Meera Mukherjee an der Akademie der bildenden Künste in München studiert hat.

Wirklich Eindrucksvolles erwartet die BesucherInnen dann aber in den Rieckhallen. Hier kann man in sechs weiteren Kapiteln entdecken, wie sich japanische Kunst, das expressionistische Theater und Hanna Höch gegenseitig inspirierten. Hier werden aber auch junge zeitgenössische Bilder aus Ljubiljana, Werke der armenischen Diaspora in Addis Abeba und Heinrich Vogelers Kaukasusdarstellungen präsentiert. Kurz um: ein regelrechtes Gewirr aus Bildern, Farben, Formen und Themen zeigen nicht nur den interkulturellen Austausch, sondern auch was es bedeutet, aus einem anderen Teil der Welt zu kommen und eingepackt zu sein in seine geografischen und politischen Narrative. Besonders faszinierend sind die offenen Blickachsen in den Hallen, die von jedem Standpunkt aus neue visuelle und thematische Perspektiven eröffnen.

Während also einerseits die ungeheure kulturelle Vielfalt ins Auge fällt, kreist beim zweiten Hinschauen eine umso größere Leerstelle über dem afrikanischen Kontinent. Diese Kunst fehlt nicht nur in den Rieckhallen, sondern auch im von Udo Kittelmann kuratierten Raum „Woher kommen wir?“. Hier werden zwar Skulpturen und Plastiken von Max Ernst bis Alberto Giacometti auf ihre afrikanischen Einflüsse hin untersucht, die Inspirationsquellen selbst sind aber nicht zu sehen. In 142 Jahren Sammlungsgeschichte der Nationalgalerie der staatlichen Museen zu Berlin wurde offenbar systematisch ein ganzer Erdteil ausgelassen. Auf der Internetseite der Institution findet man gleich zu Anfangs die Selbstbeschreibung: „Die Staatlichen Museen zu Berlin bilden … ein Universalmuseum zur Bewahrung, Erforschung und Vermittlung von Kunst- und Kulturschätzen der gesamten Menschheitsgeschichte. Ihre Sammlungen umfassen Bereiche der europäischen und außereuropäischen Kunst … nahezu aller Nationen, Kulturen und Zeiten.“ Das kleine Wörtchen „nahezu“ entlarvt sich spätestens hier als grober semantischer Fehler. Richtig müsste es heißen: „…einiger weniger, hauptsächlich europäischer Nationen, Kulturen und Zeiten“.
Der französische Präsident Emanuel Macron präsentierte Anfang dieses Jahres eine Studie, die zeigte, dass über 84% der afrikanischen Kunst- und Kulturgüter in westlichen Museen stehen, davon allein über 100.000 Objekte in Berlin. Als Besucher fragt man sich also unweigerlich: In welchen Depots verschwanden eigentlich nur diese zig tausenden Artefakte?

Dem kulturellen Genozid und tatsächlichen Völkermord an den Herero und Nama durch die deutsche Kolonialmacht in Westafrika widmen sich die Kuratoren Sven Beckstette und Azu Nwagbogu unter der Überschrift „Colomental. Die Gewalt der miteinander verbundenen Geschichten“. 1904 hatte Generalleutnant Lothar von Trotha seinen sogenannten „Vernichtungsbefehl“ gegeben. Trothas Truppen trieben daraufhin die Herero und Nama in die Omaheke-Wüste, riegelten die wenigen Wasserstellen ab und ließen tausende von ihnen verdursten.
Beckstetts und Nwagbogus Kapitel gleicht regelrecht einer OP am offenen Herzen, nicht nur der Sammlung selbst, sondern auch unseres europäischen Selbstverständnisses und legt den Finger tief in die klaffende Wunde. Das Fehlen afrikanischer Werke in dem Bestand der Nationalgalerie bis zum heutigen Tag und die anhaltenden kolonialen Machtstrukturen werden von vier zeitgenössischen europäischen KünstlerInnen reflektiert. Dierk Schmidt beispielsweise überträgt in seinen Bildern kolonialrechtliche Gesetzestexte in eine neue Formsprache und Peggy Buth beleuchtet in Fotografien die Ausstellung von Beutekunst in westlichen Museen.
In der Mitte des Raumes können die Besucher dann auf einem allzu langen Tisch regelrechte Berge von Akten zum deutschen Genozid an den Herero und Nama einsehen: Sitzungsprotokolle, Anträge, Gutachten, Pressestatements. Das neueste Dokument darunter ist gerade einmal ein paar Wochen alt. Es ist die Anklageschrift gegen Deutschland, die Vertreter der Herero vor einem Gericht in New York eingereicht haben. Daneben Anwaltsschreiben, die zeigen, wie die aktuelle Bundesregierung sich sträubt, diese Klageschrift überhaupt entgegenzunehmen. Die Anwälte der Herero haben es auf allen möglichen Wegen versucht: über den Briefkasten im Kanzleramt, über die deutsche Botschaft, über das Auswärtige Amt, über das US-Außenministerium. Bis zur Übermittlung der Anklage bleibt der Prozess unterbrochen. Was hier auf den ersten Blick plakativ daher kommt, erschüttert beim tieferen Einlesen und hinterlässt einen dicken Kloß aus Scham, Wut und Empörung, irgendwo zwischen Hals und Magen.

Der Hamburger Bahnhof zeigt in dieser Schau also nicht nur eine ungeheure Menge an Werken und Verbindungen, sondern legt parallel die komplexen Machtstrukturen offen, die nicht nur unsere westliche Gesellschaft produziert, sondern eben auch die Institution des Museums reproduziert. Als Besucher bleibt man angesichts der Komplexität dieser Revision regelrecht überfordert zurück, und genau darin liegt die politische Dimension dieser Ausstellung: sie wendet sich gegen den Trend der Vereinfachung und führt eindrucksvoll vor Augen, dass in unserer multikulturellen, globalisierten Welt nun mal nichts simpel ist, sondern alles sehr komplex. Mit Hello World hat die Nationalgalerie Berlin einen ersten kleinen Schritt gesetzt, auf den Weg der selbstkritischen Aufarbeitung ihrer Geschichte, Sammlung und Struktur. Es bleibt dem rund einen Kilometer Luftlinie entfernt liegenden Humboldt Forum zu wünschen, dass seine Gründungsintendanten noch die Zeit finden, sich die Ausstellung anzusehen. Sie könnte den dreien dabei helfen, Impulse für ein zukunftsfähiges Konzept zu finden.

Hello World. Revision einer Sammlung.
Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin
Noch zu sehen bis zum 26. August 2018

 

Foto: Mladen Stilinović, An Artist Who Cannot Speak English Is No Artist, 1992 © Mladen Stilinovic‘s Estate, Zagreb / Boris Cvjetanović.

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