„Wie, Sie kennen das nicht?!“ – Artshaming: Eine Anleitung

von Nathalie Ladermann

TYP 1:

Die Ausgangssituation

Sie sind männlich, über 60, möglicherweise bereits Rentner, haben viel Freizeit und in dieser gerne Umgang mit Kunst? Sie halten Ihre Erfahrungen für außerordentlich wichtig und Sie geben Ihr Wissen gerne an andere weiter? Ausgezeichnet! Halten Sie doch beim nächsten Museumsbesuch in Ihrer bevorzugten Kulturinstitution Ausschau nach dem einen oder der anderen Praktikant*In. Suchen Sie jemanden, der Ihnen freundlich zulächelt und Sie mit seinen jungen, engagierten Augen ansieht, die geradezu vor Wissensdurst strotzen. Vielleicht wird er, oder sogar sie, Ihnen ein höfliches „Guten Tag“ entgegenbringen. Nehmen Sie diese eindeutige Gesprächsaufforderung an.

Wie sollten Sie vorgehen?

Beginnen Sie das Gespräch mit einer einfachen Frage, etwa: “Entschuldigen Sie, wo finde ich denn etwas zu [fügen Sie einen im Allgemeinen eher unbekannten, Ihrer Meinung nach aber besonders wichtigen KünstlerIn ein, der nicht direkt erkannt wird, der aber auch nicht derart unbekannt ist, dass Sie damit für den Anfang zu sehr angeben würden]?“ (Sie sehen, eine gewisse Finesse ist gefragt, aber nur Mut!) Ihr Gegenüber wird kurz zögern und im besten Fall mit der Rückfrage „Zu wem bitte?“ reagieren. Das ist Ihre Chance! Besonders erfahrene Artshamer würden die Gesprächssituation in diesem Fall mit einem Schnauben und dem Kommentar „Also, das ist ja unglaublich, ich frage Ihren Kollegen.“ verlassen.

Aber alles mit seiner Zeit. Ihnen empfehlen wir die folgende Antwortmöglichkeit: „Also, das ist doch der bedeutendste Maler der Moderne, da sollten Sie sich aber schämen, da haben Sie ja einiges nachzuholen. Welch Glück, dass ich Ihnen dazu schon mal einiges erzählen kann, schauen Sie mal hier…“. Besondere Feinheiten, die Sie in Gespräche immer gerne einbringen können sind: Lateinische Fachbegriffe, eigene Erfahrungen mit KünstlerInnen, artsplaining und Sätze wie: „Aber gut, als der gemalt hat, waren Sie ja noch nicht mal flüssig.“ (Ein höheres Alter ist immer ein gutes Argument, zumindest wenn Sie es, wie im Beispiel, richtig verpacken.) Außerdem: Bringen Sie gerne Notizen mit und schrecken Sie nicht davor zurück sich selbst zu widersprechen!

Das Ziel

Ist das Gegenüber im Anschluss an Ihre Ausführungen derart von Ihnen beeindruckt, dass er oder sie, nicht auf Ihre Ausführungen eingehen kann? Herzlichen Glückwunsch! Sie haben das erste Mal erfolgreich Artshaming betrieben.

TYP 2:

Die Ausgangssituation

Sie befinden sich noch nicht im rentenfähigen Alter, die anderen oben genannten Punkte beschreiben Ihre Person aber doch ganz adäquat? Wundervoll, auch für Ihren Typ haben wir ein passendes Vorgehen. Versuchen Sie es doch auf der nächsten Ausstellungseröffnung Ihrer Lieblingsgalerie. Auch hier werden Sie geeignete PraktikantInnen finden. Vielleicht direkt neben dem Eingang, hinter dem Tisch mit den Programmen zum Beispiel. Begeben Sie sich entschlossen in diese Richtung. Aber nicht zu fokussiert – wir wollen unser Gegenüber ja nicht gleich zu Beginn mit einem Blick, aus dem geballte Fachkenntnis quasi herausgalopiert, überrumpeln.

Wie sollten Sie vorgehen?

Anders als in der ersten Situation, beginnen Sie das Gespräch am besten mit einer persönlichen Frage. „Guten Abend! Und was halten Sie von der Ausstellung?“ Vielleicht werden Sie darauf etwas hören wie: „Oh, Ich denke wir haben hier eine wirklich besondere Ausstellung zustande gebracht. Wir haben insgesamt fast ein ganzes Jahr zusammen mit der Künstlerin…“ Um weiteren langweiligen Beschreibungen Ihres Gegenübers vorzubeugen, gehen Sie am besten nicht direkt darauf ein. Schildern Sie Ihre eigenen Erfahrungen! Die haben möglicherweise, aber nicht zwingend, etwas mit der Ausstellung zu tun, auf der Sie sich gerade befinden. Besonders geeignet sind beispielsweise Anspielungen auf Ihren Kosmopolitismus: „Wissen Sie, letztes Wochenende war ich in Singapur, nächste Woche geht es weiter nach China. Hergekommen bin ich mit einem Zwischenstopp in Indien und nächsten Monat geht es nach Südamerika. Die Künstlerin habe ich neulich auch schon in Basel gesehen.“ Es ist erst mal nicht wichtig, was Sie dort gesehen haben, sondern nur, dass Sie dort waren.

Das Ziel

Wird sich Ihr Gegenüber daraufhin kurzhalten und seinen Blick langsam auf die vor ihm liegenden Programmhefte senken, verstehen Sie das nicht falsch. Er möchte mehr erfahren! Ist erst einmal ein Einstieg gemacht, meistern Sie mit ein wenig Kreativität jede Gesprächssituation.

 

Kurz zusammengefasst

Ob Typ eins oder zwei, diese Punkte sollten Sie in jeder Gesprächssituation im Kopf behalten:

  • Wer mehr gesehen hat, hat mehr Macht und Macht ist geil.
  • Ob Ihr Gegenüber interessiert erscheint oder nicht, ist egal.
  • Lassen Sie Ihr Gegenüber Ihre Unantastbarkeit spüren.
  • Argumentieren Sie möglichst auf einer persönlichen Ebene, ohne professionellen Abstand zum Gesprächsgegenstand.
  • Tautologien sind ein gern gesehenes Stilmittel.
  • Wenn Sie auch explizit sexistisch sein möchten, verpacken Sie Äußerungen stets in scheinbar unwichtigen Nebensätzen.
  • Und das Allerwichtigste zum Schluss: Vermeiden Sie in jedem Fall eine besondere Relevanz Ihrer Geschichte für den Kunstbetrieb herauszustellen!

Haben Sie diese Punkte verinnerlicht, kann nicht mehr viel schief gehen und Sie können sich richtig schön wichtig fühlen. Wird wünschen Ihnen einen guten Start im Artshaming-Bereich!

Ihr Typ ist nicht dabei? Schreiben Sie uns.

 

Titelbild: Caravaggio, Michelangelo Merisi di: Narziss, Öl auf Leinwand, 110 x 92cm, 1594-96, Galleria Nazionale d’Arte Antica, Rom.

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