„Hi! Nice to meet you. Where are you from?“

von IMKE KAPPERNAGEL

Noch immer weile ich in Italien, dem Land in dem die Zitronen blühen. As if, Goethe, as if. Erasmus hat auch seit meinem letzten Bericht nicht an absurden Momenten gespart. Nun also der nächste Teil – Episode Zwei: Nationalismus und Kunst.

Ich sitze in meinem Italienisch-Sprachkurs. Zum wiederholten Mal werden wir nach Nationalitäten aufgeteilt, um eine Gruppenaufgabe zu lösen, die diesmal im entferntesten Sinne etwas mit Einwanderung zu tun haben soll. Zuvor diskutierte Themen waren Umweltschutz und die Ehe für Alle. Leichte Kost, ich weiß. Was mich aber am meisten fasziniert, ist die Art und Weise, wie unsere Lehrerin die „Nationalgruppen“ zusammensetzt. Es gibt vermeintlich zwei große Parteien: Spanier*innen und Deutsche. Die vereinzelten anderen Vertreter*innen dieser Mini-UN, die z.B. aus Vietnam, Nigeria oder Russland kommen, werden in lockeren Verbünden etwa. zu „alle aus Südamerika, außer Brasilien – von denen haben wir zwei“ vereint – wenn Weltpolitik doch nur so funktionieren könnte.  Oder besser vielleicht doch nicht. Meine deutsche Gruppe besteht aus einer Österreicherin, einem anderen, nach eigener Aussage „technisch Deutschen” – was auch immer das heißen mag – und einem Typen aus Südtirol. Wir sollen für die Lehrerin jetzt also Deutschland repräsentieren. „Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne Leben“, denke ich. „Bei uns gibt es auch viele Türken, sogar mit Doppelpass“, sagt die Österreicherin im mittleren Alter, „bei der Gelegenheit könnte man denen einen Pass ja auch gleich wieder abnehmen, falls ihr versteht, was ich meine.“ Ich werfe mit einer imaginären Mannerschnitte. „Bei uns gibt es gar keine Ausländer“, sagt der Dude aus Südtirol. Ich werfe imaginär mit dem mir nicht bekannten traditionellen Gebäck Südtirols. Der Rest dieser Aufgabe rauscht an mir vorbei.

Wir öffnen das Buch, das passender Weise Nuovo Contatto, was quasi auch als Neue Verbindungen zu übersetzen ist, heißt. Mir schwant nichts Gutes.
You know the world can see us. In a way that’s different than who we are. Creating space between us. Till we’re separate hearts.
Mein Unterbewusstsein beginnt, High School Musical zu zitieren. Jetzt ist die Kacke wirklich am Dampfen. Auf S. 96 beginnt Unità 4. Sie heißt: „Il patrimonio culturale – Il contributo italiano alla cultura” (deutsch: Das kulturelle Erbe – Der italienische Beitrag zur Kultur). Ich schaue die Lehrerin an. Sie schaut mich an. Ich weiß, was jetzt passieren wird. Sie auch. Die Luft im Raum wird dünner. Ich wende den Blick ab und fokussiere Botticellis „Geburt der Venus“ auf S. 97. Sie zeigt trotzdem keine Gnade. „Imke, welches ist das bekannteste deutsche Kunstwerk?“, fragt sie. Ich bereue, in der Vorstellungsrunde in der ersten Stunde gesagt zu haben, was ich studiere. Ich bereue meine Anwesenheit in diesem Raum. Ich bereue meine Schockstarre, die es mir unmöglich macht, etwas anderes als „Non lo so“ zu antworten.

Die Frage bleibt offen. Zuhause beginne ich zu googlen. Das erste von 9.580.00 Ergebnissen für „Deutsche Kunst“: Der Wikipedia Eintrag zur „Großen deutschen Kunstausstellung“ im Haus der Deutschen Kunst in München zwischen 1937-1944. Und ein Artikel von Peter Buerger aus dem Jahr 2000, der „Die Deutschen und Ihre Kunst“ heißt. „Können wir wieder von deutscher Kunst sprechen – genauso wie von französischer Gotik und holländischer Malerei?“, fragt er darin. In mir wird die Erinnerung an die zwei oder drei Male wach, die Menschen mir hier aus Spaß die deutsche Nationalhymne singen wollten und mit der ersten Strophe begannen – oder an das eine Mal, als die italienische Nationalhymne als Rausschmeißer in Pisas Studentenclub lief. Caspar David Friedrich wollte nicht, dass sein Bruder ihm schreibt, während selbiger in Frankreich war, weil sein Herz es vermeintlich nicht ertragen konnte. Richard Wagner wünschte sich die Einheit der Rasse. Emil Nolde hing noch bis vor kurzem im Kanzleramt, bis Angela Merkel herausfand, dass auch er nicht ganz sauber ist. Jetzt lässt sie die Wände weiß, weil sie nicht mehr einschätzen kann, wer noch erlaubt ist. Solange sie nichts von Leon Löwentraut aufhängt, soll mir das recht sein.

Von einer Uni kommend, an der der Master „Globaler Kontext“ heißt und sich dann in „Europa und Amerika“, „Afrika“ und „Asien“ gliedert, sollte man vielleicht auch nicht zu große Töne spucken.  Trotzdem stellt sich mir eine Frage: Reproduzieren wir mit der Art und Weise, wie wir unsere eigene Wissenschaft denken, nicht immer noch längst überdachte Vorstellungen von Nationalität? Und passiert das nicht auch sonst jedes Mal, wenn wir „aus dem Land der Dichter und Denker“ kommen oder nach Marokko fliegen, um Instagram-Fotos vor Mosaiken zu machen, über die wir nichts wissen?  Kunst und ihre Verortung in nationalstaatlichen Systemen werden historisiert. Romantischer Nationalismus. Entartete Kunst im Nationalsozialismus. Aber der Begriff der Nation ist in allem immanent. Wie funktioniert eine Kunstgeschichtserzählung über eine Zeit der Nationalstaatlichkeit, in der Gegenwart, in der das Öffnen der Grenzen als kulturwissenschaftlichen Grundprinzip immer wichtiger wird? Googlet man „German Art“ bekommt man Suchergebnisse für Hotels in Budapest – warum auch immer. Googlet man „Cultura tedesca“ ist das erste Ergebnis der Bildersuche eine Fotomontage deutscher Biersorten. Besser könnte man meine Verwirrung in Bezug auf die Beantwortung dieser Frage nicht zusammenfassen.

Das deutsche Gegenstück zu Nuovo Contatto heißt Sicher! und soll Deutsch als Fremdsprache vermitteln, also “interessante Themen aus den Bereichen Alltag, Beruf, Studium und Ausbildung – sowie abwechslungsreiche und fundierte Aufgaben- und Übungstypologien“. Bisher fehlt mir noch der Mut, einen Blick hinein zu werfen.


Titelbild: https://de.wikipedia.org/wiki/Italienische_Reise#/media/File:Johann_Heinrich_Wilhelm_Tischbein_-_Goethe_in_der_roemischen_Campagna.jpg (beabeitet).

Kunst an Universitäten I: Ein Würfel sprach zu sich…

von IDA REES

Fünf fingerartige, dynamisch geschwungene Rohre umfassen die Würfelform.

„Ein Würfel sprach zu sich: Ich bin

mir selbst nicht völlig zum Gewinn!“

Ein in sich ruhender Würfel, aus seiner unteren liegenden Seite, fünf wachsende Rohrformen.

„Seine sechste Seite sieht statt in die Weite, der Erde ewig dunklen Schoß.“

Deplatziert, ohne Raumwirken, bemoost, beziehungslos, beschmutzt, manchmal plakertiert steht er zwischen Straße und Parkplatz.

„Der Würfel, innerlichst beleidigt, hat sich nicht weiter drauf verteidigt.“

Ein Würfel bedauert, dass er mit seiner sechsten Seite stets nur den dunklen Schoß der Erde sehen kann. In tragisches Selbstmitleid versunken, merkt er gar nicht, wie sein Monolog über diesen Zustand, die unter ihm ruhende Erde beleidigt. Auch sie ist durch seine Existenz verändert, könnte er sich wegbewegen, so würde sie an jener Stelle strahlen wie ein Karfunkel.  Dieses wunderbare Gedicht von Christian Morgenstern wurde ein wenig auseinander gerissen. So, wie auch Brigitte Matschinsky-Denninghoffs Skulptur „Der große Würfel“ aus dem Jahr 1970, aus ihrem Kontext gesetzt wurde. Selbst verteidigen kann sie sich nicht. Deshalb nun hier eine aufklärende Schrift zu diesem Raumobjekt und was es damit auf sich hat.

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In Erasmus we trust.

von Imke Kappernagel

Pisas Straßen sind voller Glitzer. Während ich und 200 andere Erasmus-Studierende gerade ankommen, laufen andere mit Lorbeerkränzen auf dem Kopf und ihrer Familie im Schlepptau wie siegreiche Kämpfer des letzten Dichterwettstreits durch die Stadt. Die Absolvent*innen der verschiedenen Unis in Pisa haben dann meist gerade ihre Abschlussarbeit verteidigt, sind mit selbiger in der Hand mit Konfetti beworfen worden und machen sich jetzt auf dem Weg zum schiefen Turm der Stadt. Diesen, so der Aberglaube, darf man erst betreten, wenn man seinen Abschluss hat – macht man es trotzdem vorher, bleibt man für immer Student*in.

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